Kailinn Brehm

Kailinn Brehm liebte ihr Tätigkeit als Dienerin im Garlentempel, denn sie empfand stets große Genugtuung darin, für andere Menschen da zu sein, ihnen ein Ohr für ihre Probleme zu leihen. Natürlich gab es im Tempel auch alltägliche Aufgaben, die einige als lästige Alltagsroutine empfanden, aber Kailinn verrichtete selbst Dinge wie Heiltränke brauen und Kräuter sammeln mit großer Sorgfalt und Hingabe. Und für gewöhnlich gelang es ihr, die anderen Tempeldiener mit ihrem Enthusiasmus anzustecken.
Doch der heutige Tag war ganz anders; Kailinn erledigte ihre Aufgaben ungewohnt ruhig und ohne große Anteilnahme. Mareen, einer anderen Tempeldienerin, war Kailinns merkwürdiges Verhalten aufgefallen, und jetzt, als die beiden Frauen mit der Zubereitung der Gellobeerenmarmelade beschäftigt und ungestört waren, sprach sie Kailinn darauf an.
"Sag mal, stimmt irgendwas nicht?" fragte Mareen.
"Wie? Was soll nicht stimmen?" antwortete Kailinn mit einer Gegenfrage.
"Na, komm schon, ich merke doch, daß da etwas los ist. Du bist doch sonst nicht so abwesend", erwiderte Mareen.
Kailinn nahm ein paar weitere Beeren aus dem Berg vor ihnen auf den Tisch, während sie verlegen herumdruckste: "Ich weiß nicht so recht, eigentlich ist es nichts. Vergiß es." "Jetzt hab dich nicht so", protestierte Mareen. "Geteiltes Leid ist halbes Leid, oder etwa nicht? Hast du Streit mit Markus?"
"Nein, nicht. Oder ... eigentlich schon." Mit einem Seufzer gab Kailinn Mareens Drängen nach. "Stell dir vor, er hat mir heute morgen erzählt, daß er beim Glücksspiel 1000 Silberstücke verloren hat. Da er nicht soviel Geld hatte - woher denn auch - hat er einen Schuldschein dafür ausgestellt. Und der wird morgen fällig. So, jetzt weißt du's."
"Du meine Güte!" sagte Mareen. "Wie, ich meine, wo ... woher will er denn das ganze Geld nehmen?"
"Das ist es eben", meinte Kailinn. "In der Schreinerei lief es nicht besonders, obwohl in den letzten zwei Wochen neue Aufträge reingekommen sind. Markus und unser Lehrjunge stehen jetzt zwar den ganzen Tag in der Werkstatt, aber er konnte in der kurzen Zeit unmöglich das ganze Geld zusammentragen. Es fehlen immer noch 400 Silberstücke, die zwar in Aussicht stehen, die er aber erst nach Beendigung seiner Arbeit erhält. Und das dauert noch ein paar Wochen. Das heißt, daß morgen der Besitzer des Schuldscheins bei uns anklopft, und wenn wir nicht 1000 Silberstücke haben, dann kann er mitnehmen, was er will. Ich könnte Markus ohrfeigen für seine Dummheit. Wie konnte er sich nur auf ein Kartenspiel einlassen!"
"Hast du schon mal versucht, mit dem Besitzer des Schuldscheins reden?" wollte Mareen wissen.
"Das ist es ja gerade. Der Schuldschein hat nämlich bereits eine turbulente Reise hinter sich. Ursprünglich hatte Markus ihn für Rabadar den Spieler ausgestellt. Der hatte jedoch zwei Wochen später beim Würfeln den Schein an den Offizier eines T'skrangschiffes verloren. Der wiederum benutzte den Schuldschein, um ausstehende Hafengebühren zu begleichen, und so landete der Schein jetzt beim Hafenmeister Udrull Tes'vas. Und da muß ich dir wohl erst nicht erklären, wie aussichtslos es ist, einen Aufschub zu erreichen."
Udrull Tes'vas war der Hafenmeister der Stadt, und seine herausragendsten Eigenschaften sind Pflichtbewußtsein und Unbestechlichkeit. Seine moralischen Überzeugungen aber, an deren überzogen hohen Maßstäben er jeden mißt, haben ihm im Lauf der Jahre den Ruf eines konservativen, halsstarrigen Pedanten eingebracht, mit dem nicht gut Gellobeeren essen ist.
"Das ist ja ein echter Schlammassel, in dem ihr da steckt. Von allen Einwohnern Mahatschs muß es Udrull sein. Das ist ein echtes Vestrialgeschenk."
"Und an allem ist nur Markus Schuld. Hätte er nur früher etwas gesagt, aber der werte Herr mit seinem männlichen Stolz kann dem armen, gebrechlichen Weibchen ja diese Wahrheit nicht zumuten. Am liebsten würde ich ihm die Ohren bis zum Boden langziehen, damit er nie wieder auf den Gedanken kommt, sich auf Glücksspiel einzulassen. So doof kann man doch gar nicht sein!" Kailinn warf zornig einige der Beeren auf den Tisch zurück. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, redete sie weiter: "Ach, ich bin nicht wirklich wütend auf ihn. Dazu liebe ich ihn zu sehr. Aber trotzdem macht mir diese Sache zu schaffen. Was sollen wir denn machen, wenn Markus auch noch sein Werkzeug verliert."
"Hast du schon einmal mit Questorin Gamwysch gesprochen. Vielleicht kann sie dir Geld leihen."
"Ich habe auch schon daran gedacht, aber ehrlich gesagt behagt mir der Gedanke nicht. 400 Silberstücke sind kein Pappenstiel", gab Kailinn zu bedenken. "Außerdem will ich die Arbeit im Tempel nicht dadurch belasten. Es gibt schließlich andere Namensgeber, denen es viel schlimmer geht als Markus und mir."
"Und wenn Du doch noch versuchst, mit Udrull über einen Aufschub zu reden? Wenn du ihm eure Lage schilderst, vielleicht zeigt er dann Verständnis für Eure Situation", schlug Mareen vor.
"Eher werden Troll und Windling Freunde", erwiderte Kailinn.
"Warum versuchst du's nicht einfach. Besser es probiert und dabei nichts erreicht zu haben, als nur schicksalsergeben abzuwarten. Was kannst du schon verlieren? Und wer weiß, vielleicht hat er einen weichen Fleck, den bisher noch niemand gefunden hat."
"Und das soll ausgerechnet mir gelingen." Kailinn legte ihre Stirn in Falten. "Gut, ich werde zu Udrull gehen und mit ihm reden."
"Aber erst, wenn die Marmelade fertig ist", ergänzte Mareen. "Falls sie heute noch fertig wird", fügte sie beim Anblick des riesigen Beerenberges vor ihnen hinzu.

Die Zubereitung der Marmelade hatte mehr Zeit in Anspruch genommen, als Kailinn lieb war. Die Sonne war gerade dabei, hinter dem Horizont zu versinken, als Kailinn endlich den Tempel Garlens verließ. Sie verabschiedete sich von den Tempeldienern am Eingang und schlenderte über den Alten Kornmarkt, um noch die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages auf ihrer Haut zu spüren. Um diese Zeit war kaum mehr etwas von dem geschäftigen Treiben zu spüren, daß man sonst tagsüber hier antreffen konnte. Eine Handvoll Kinder liefen schreiend umher und spielten Fangen, während einige ältere Namensgeber auf Bänken sitzend den Tag gemütlich ausklingen lassen wollten und den Kindern mißbilligende Blicke zuwarfen.
Kailinn folgte nun der Straße, die hinab zum Hafenviertel führte. Der Hafen der Stadt war mittlerweile zu einer der wichtigsten Einnahmequelle geworden, wenn nicht zu der wichtigsten schlechthin. Mahatsch gewann durch Zölle, Steuern und anderen Abgaben aus Geschäften, die direkt oder indirekt mit dem Hafen zu tun haben, ein kleines Vermögen. Um so wichtiger war es, daß eine unbestechliche und pflichtbewußte Person die Abwicklung dieser Zahlungen überwachte. In den Jahren vor Udrull hatte niemand in der Stadt auch nur einen Schimmer, welch enormes finanzielles Potential in den Hafenanlagen stecken würde, da keiner der früheren zwergischen Hafenmeister seine Arbeit zu genau machte. Erst Udrull gelang es, Gewinne aus dem Hafengeschäft zu schlagen. In der Tat ging die Geschichte um, daß er seine Anstellung nur deshalb erhalten hatte, weil er mitten in eine Ratssitzung hineingeplatzt war und den Herren Stadträte eine detaillierte Kostenrechnung und gleichzeitig ein Konzept zur effektiveren Bewirtschaftung vorgelegt hatte. Der Stadtrat hatte sich daraufhin mit Udrulls Vorschlägen befaßt, und eine Woche später war der alte Hafenmeister vom Primus gefeuert und durch Udrull ersetzt. Und jetzt erwarte ich, von dem entschlossensten und geldgierigsten T'skrang westlich von Thera einen Aufschub unserer Schuldfrist zu erreichen, dachte Kailinn bei sich. Frau, du bist total verrückt!
Ohne Vorwarnung wurde sie plötzlich aus ihren Gedanken gerissen. Etwas erregte die Aufmerksamkeit ihrer Sinne (ein kaum merkliches Ziehen an ihrer Tasche, wie sie später erkannte), und obwohl sie nicht genau wußte, was der Auslöser war, übergab sie die Kontrolle ihres Körpers ihren Instinkten, oder wie immer man diese Art von Reflexen nennen wollte. Blitzschnell fuhr sie herum und packte das Handgelenk eines Menschenknaben. Ihr Griff war so fest, daß dieser vor Schmerz leise aufstöhnte und ein kleines Messer fallen ließ. Kailinn sah den Augen des halbwüchsigen Taschendiebs eine grenzenlose Verwunderung darüber, wie schnell die Frau sein Treiben bemerkt hatte. Und Kailinn war selbst verwundert darüber. Sie warf dem Grünschnabel den furchteinflößendsten Blick zu, zu dem sie in der Lage war, und stieß ihn von ihr, wobei er nur mit Mühe das Gleichgewicht halten konnte. Sie zischte ihm noch ein "Laß Dich nicht noch einmal erwischen!" nach, als dieser sich bereits davonmachte.
Kailinn blickte dem davonlaufenden Jungen nach, bis er in eine Gasse eingebogen war. Sie überprüfte ihre Tasche und stellte fest, daß der Junge versucht hatte, den Lederriemen mit einem Messer zu durchtrennen, um sich dann schnell mit seiner Beute davonmachen zu können. Kailinn hob das Messer auf und steckte es zu den Töpfen und Phiolen und ihrer Tasche. Als sie ihren Weg fortsetzte, fühlte Kailinn eine Spur von Aufregung, die sie schon seit langem nicht mehr gespürt hatte. Es war diese Euphorie, dieses Prickeln, das sich in ihrem Körper einstellte, wenn sie der Magie freien Lauf ließ. Der Magie eines Pfades, den sie schon vor langem den Rücken gekehrt hatte, und zu dem sie auch nicht mehr zurückkehren wollte. Aber manchmal entstanden Situationen, in denen ihr Entscheidungen und Handlungen abverlangt wurden, die sie nicht erst im Kopf formulieren konnte, und dann setzte der Geist des Scouts seine Macht ein, wie gerade zuvor. Kailinn wußte, daß der kleine Strauchdieb gut war und ein gewöhnlicher Namensgeber den Verlust der Tasche wahrscheinlich erst Zuhause bemerkt hätte. Der Umstand, daß sie seinen geschickten Fingern zuvorgekommen war, erfüllt sie mit einem Gefühl aus Stolz und innerer Genugtuung, einem Gefühl, das gut tat, beinahe zu gut. Kailinn biß die Zähne zusammen und versuchte, ihre innere Freude ob des Vorfalls zu unterdrücken. Solche Gefühle gehörten ein für allemal der Vergangenheit an. Heute hatte sie andere Sorgen und Probleme. Und das wichtigste Problem war grünbeschuppt und im Gelben Turm der Hafenmeisterei anzutreffen, wohin sie nun auch mit zügigem Schritt ihren Weg fortsetzte.

Zehn Minuten später trat Kailinn über die Schwelle des Gelben Turms. In dem großen runden Raum, in dem Udrull und seine Schreiber ihre Arbeit verrichteten, war niemand mehr anwesend außer dem stadtbekannten T'skrang Trepell. Stadtbekannt deshalb, weil fast jeder in der Stadt schon einmal seine Dienste in Anspruch genommen hatte. Die eigenwillige Gerichtstradition der Stadt Mahatsch gewährte jedem Angeklagten das Recht ein, die Hilfe eines Rechtsbeistandes in Anspruch zu nehmen, was man bei dem umfangreichen Gesetzeswerk der Stadt auch unbedingt tun sollte. Magellan Trepell war für diese Zwecke der beste, den man bekommen konnte, denn sein scharfsinniger Verstand machte seine sonst etwas geschwätzige Art locker wieder wett. Magellan schreckte (im Gegensatz zu seinem Chef) auch nicht davor zurück, vorhandene Gesetze und Regeln etwas zurechtzubiegen, solange er dadurch jemandem aus der Patsche helfen konnte. Es wäre sicher kein Problem gewesen, Magellan davon zu überzeugen, das schuldige Geld einen Monat später zu verlangen.
Trepell blickte von den Papieren auf seinem Pult auf, als er Kailinns Anwesenheit bemerkte. "Guten Abend, werte Tempeldienerin. Was führt Sie zu so später Stunde noch hier her? Sie werden doch nicht irgendwelche ... Schwierigkeiten haben?" erkundigte sich der T'skrang höflich.
"Nun ja, also, nein, ich habe keine Schwierigkeiten dieser Art," versicherte ihn Kailinn mit einen Lächeln, "ich wollte eigentlich zu Meister Udrull. Aber ich sehe, er hat seinen Schreibtisch bereits verlassen."
"Ja, richtig, aber er hat sich noch nicht ins Obergeschoß zurückgezogen. Stattdessen brach er vor kurzem auf, und ich weiß leider nicht, wohin ihn sein Weg führte." antwortete Trepell geflissentlich.
Ach verdammte... dachte Kailinn, jetzt habe ich ihn verpaßt. Haben sich denn alle Passionen gegen mich verschworen?
Trepell blieb die Enttäuschung in Kailinns Gesicht nicht verborgen, und deshalb bot er seine Hilfe an. "Soll ich ihm denn etwas bestellen, oder kann ich sonst etwas für Sie tun?"
Kailinn mußte sich nun gegen das Pult gegenüber anlehnen, bevor sie antwortete. "Haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, als würde Ihnen Dis, Raggok und Vestrial bei allem, das Sie anfangen, Knüppel zwischen die Beine werfen. Ich meine so Tage, an denen wirklich schon seit der Morgenwäsche alles schiefgeht?"
"Gewiß kenne ich auch solche Tage, werte Frau", versicherte Treppell. "Erst letzte Woche hatte ich einen solchen Tag, als ich meine Schlußrede in der Verteidigung des Irrlichtmörders sucht, und diese dann zwei Stunden später im Garten vom Kind meiner Schwester in 1000 kleine Papierfetzen verwandelt vorfand. Bevor ich jedoch irgendetwas retten konnte, fuhr sofort ein Windstoß durch den Papierhaufen, um meine geniale Rede in alle vier Himmelsrichtungen zu verteilen. Also mußte ich mir schnell etwas neues einfallen lassen, was ... im Nachhinein betrachtet gar nicht so schlecht war, weil mir noch etwas ganz entscheidendes einfiel, daß ich zuvor stets übersehen hatte, nämlich war das Irrlicht ... aber das gehört eigentlich jetzt nicht hierher. Jedenfalls, Sie glauben, daß Sie heute einen solchen Tag hinter sich haben?"
"Ohja, das kann man wohl behaupten", gab Kailinn zu. "Zuerst offenbart mir mein Mann, daß er 1000 Silberstücke Schulden gemacht hat, die morgen fällig werden. Das beste ist jedoch, daß der Schuldschein sich nun im Besitz von Meister Udrull befindet. Jetzt dachte ich, ich spreche mit ihm über einen Zahlungsaufschub, da wir noch nicht das ganze Geld haben. Aber habe ich meine Chance mit ihm zu reden verpaßt, weil heute die Arbeit im Tempel besonders lange gedauert hat." Kailinn seufzte erschöpft.
"Das tut mir leid", erwiderte Trepell sichtlich betroffen. "Wenn ich wüßte, wohin Udrull ging, würde ich es Ihnen bestimmt sagen, aber ich habe leider keine Ahnung. Aber wenden Sie sich doch morgen wieder an mich, wenn Udrull vor Ihrer Tür steht und Ihnen ihren Besitz nehmen will. Ich werde mich bei Gericht für Sie einsetzen, ..."
Kailinn achtete nur mit halbem Ohr auf Trepell, und starrte nebenbei Löcher in den Boden. Innerlich stellte sie sich bereits darauf ein, sich von einigen liebgewonnen Einrichtungsgegenständen trennen zu müssen. Als sie den Boden beobachtete, entstand plötzlich in einer der untersten Ecken ihres Kopfes ein Gedanke, der sich in sekundenschnelle an die Oberfläche gekämpft hatte. Was wäre, wenn sie einfach versuchen würde, noch heute nacht mit Udrull zu sprechen. Sie hatte zwar keine Ahnung, wann er zurückkommen würde oder wohin er ging, aber dem konnte man Abhilfe verschaffen. Wenn sie also nicht die ganze Nacht vorm Gelben Turm auf seine Rückkehr warten wollte, dann sollte sie vielleicht seinen Weg verfolgen. Erneut überkam sie eine diese altbekannte Aufregung, als sie sich zu konzentrieren begann und den Boden nach einer Spur absucht, die sie direkt zu Udrull führen sollte. Sie starrte intensiv auf den Boden, und ihre Sinne öffneten sich. Sie nahm jede Unebenheit des Holz, jedes einzelne Staubkorn war. Der Geruch der Holzbalken fühlte ihre Nase aus, und in ihrem Ohr hallten Tausende von Schritten wider. Ihr Sicht verschwamm etwas, und dann sah sie Hunderte von Schuh- und Fußabdrücke in allen Farben des Regenbogens, die das Holz des Bodens jemals berührten, und sie schossen in wirren Spiralmustern aus Kailinns Sicht, bis nur noch eine blau leuchtende Spur übrig blieb: die Spur Udrulls.
"Hallo! Hallo? Geht es Ihnen gut?" Kailinn sah auf und blickte in Trepells besorgtes Gesicht.
"Ja, ich war nur ... etwas gedankenverloren. Magellan, vielen Dank für Ihre Hilfe, das ist sehr lieb von Ihnen, aber ich denke, ich werde mein Glück heute doch noch herausfordern. Vielleicht treffe ich Meister Udrull und kann mit ihm über alles reden. Jedenfalls vielen Dank noch, Guten Abend." Kailinn verabschiedete sich und ließ den etwas verwirrten T'skrang an seinem Pult zurück, der beinahe vergessen hätte ebenfalls zu grüßen.
Kailinn verließ den Gelben Turm und trat in die bereits hereingebrochene Nacht hinaus. Sie sog mit einem tiefen Atemzug die angenehm kühle Luft ein und machte sich an die Verfolgung der blauen Fußspuren, die nur sie zu sehen vermochte.

Der Weg Udrulls führte Kailinn durch verschiedene Gassen und Straßen des Hafenviertels. Es hatte den Anschein, als wäre er keiner bestimmten Strecke gefolgt, da er oft wieder umgekehrt war und den Weg wieder zurückging. Diese Tatsache stimmte Kailinn etwas mißtrauisch, aber als sie nun erkannt hatte, wohin Udrull gegangen war, da wußte sie, daß etwas merkwürdiges vorging. Udrulls Spur führte nämlich (nach einigem Zick-Zack und langem Hin und Her) auf ein T'skranghandelsschiff, und das sollte eigentlich der letzte Ort sein, an dem sich Udrull zu dieser Tages- oder besser Nachtzeit aufhalten sollte. Wieso sollte er so durch die Stadt schleichen, um dann klammheimlich auf einem Frachtschiff zu verschwinden, überlegte Kailinn. Das konnte doch nur bedeuten, daß irgendwas faul war.
Kailinn hatte sich unweit der Anlegestelle des Schiffs hinter einem Stapel Kisten versteckt, in der Hoffnung, unbemerkt das Schiff und seine Crew beobachten zu können. Während die Tempeldienerin die Spur Udrulls verfolgt hatte, empfand sie richtige Lust daran, sich auf dieses Wagnis einzulassen. Sie spürte, daß sie diese allesverzehrende Neugier empfand, welche sie in ihrer Jugend stets angetrieben und motiviert hatte. Damals es gab nichts aufregenderes, als die bekannten Grenzen beständig auszuloten, gegebenenfalls zu verwerfen und neu abzustecken. Heute freilich kannte sie ihre Grenzen, jedenfalls dachte sie das. Sie war eine selbstbewußte junge Frau, welche nicht ständig nach einer neuen Ausrichtung in ihrem Leben suchen mußte, nur um überhaupt ansatzweise zu glauben, ein ausgefülltes Leben zu führen.
Aber all das war in diesem Moment vergessen. Sie stand nun im Schutze der Kisten und spionierte das T'skrangschiff aus, dessen Namen sie leider nicht lesen konnte. Sie erkannte auf Deck nur zwei Matrosen, welche anscheinend als Wache zurückgelassen worden waren. Denn wenn das Schiff erst heute angekommen war, dann hatte fast die gesamte Crew Landgang und würde vor Mitternacht nicht zurückkehren. Umso verdächtiger, daß sich Udrull auf dem Schiff befand. Er wählte wohl mit Absicht diesen Zeitpunkt, um möglichst wenig neugierige Blicke der Crew auf sich zu ziehen.
Zuerst kämpfte Kailinn noch gegen den Drang, sich auf das Schiff zu schleichen, denn sie wollte bestimmt keinen Ärger mit den Matrosen. Aber je länger sie diesen Gedanke zu verbannen versuchte, desto mehr gewann er an Reiz. Es wäre bestimmt nicht schwierig, sich im Schutz der Nacht über ein Tau an Bord zu schleichen. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken, wenn sie daran dachte, wie ein Schatten durch die verlassenen Gänge zu schleichen, stets auf der Hut vor den Wachen, die sie aber letztlich doch nicht erwischen konnten.
Sie zerstreute die letzten Zweifel ob der Richtigkeit ihrer Entscheidung, gab ihrem Herzen einen Stoß und verließ in geduckter Haltung ihr Versteck. Schnell rannte sie in dieser Haltung zum Pfeiler, an dem das Schiff vertäut war, wobei sich die Magie der Scouts wie ein Mantel um sie legte, der sämtliche Bewegungsgeräusche einfach schluckte. Sie war am Pfahl angekommen und griff nach dem dicken Seil, an das sie sich mit ihren Händen nun klammerte. Kailinn mußte mit Erschrecken feststellen, daß es schwerer war als sie sich vorgestellt hatte, sich an dem Seil festzuhalten. Das Gewicht ihres Körpers lastet nun allein auf ihren Händen, die solche Belastungen nicht gewohnt waren. Schnell begannen die Hände zu brennen, weshalb Kailinn nun eiligst versuchte, die Beine um das Tau zu schlingen, um einen Teil der Last von den Armen zu nehmen. Nach einigen Versuchen, die mehr an die Darbietung einer dieser tolpatschigen Wanderakrobaten erinnerten, gelang ihr dies tatsächlich. Schnell ließ der Schmerz in den Armen nach, und nun schob sie sich in dieser Weise langsam am Seil hoch, bis sie die Reling des Schiffes erreicht hatte. Klettern war noch nie meine Stärke, jammerte sie leise.
Der schwerste Teil dieser Aktion stand ihr noch bevor, denn sie mußte nun vom Tau aus an Bord gelangen. Die Wachen waren im Vergleich zu ihren schnell schwindenden Kräften das kleinere Problem. Denn wenn sie ersteinmal von Tau ins Wasser gefallen war, würde sie sowieso bemerkt werden. Sie hob ihren Blick und sah das Geländer, welches Sie nun erreichen mußte. Sie griff zuerst mit der rechten Hand nach dem Holzbalken, und gleich darauf die andere Hand folgen zu lassen. Nun befand sie sich jedoch in einer sehr verdrehten Haltung: mit den Händen klammerte sie sich ans Schiff, und die Füße umfaßten noch immer das Tau. Aber sie scheute davor zurück, die Umklammerung der Füße zu lösen, denn sie fürchtete, daß ihr Körper daraufhin mit einem lauten Knall gegen die Bordwand schlagen würde. Gleichzeitig konnte sie sich nicht mehr lange in dieser verdrehten Lage halten, da das Ziehen in ihren Armen bereits sehr unangenehm wurde. Also beschloß sie, die Zähne zusammenzubeißen und die verschlungenen Beine zu öffnen. Ihr Rumpf schlug zwar gegen die Wand des Schiffes, aber mit weniger Lärm als befürchtet. Lautloser Gang funktioniert auch auf diese Art, stellte sie verblüfft fest, bevor ein unheimlicher Schmerz durch ihren Körper jagte und sie fürchtete, loslassen zu müssen und uns Wasser zu plumpsen. Aber sie schaffte es, sich festzuhalten. Sie versuchte, sich hochzuziehen, wobei sie verzweifelt mit den Füßen die glatte Schiffswand vergebens nach einem Halt absuchte. Letztlich wählte sie eine andere Vorgehensweise, bei der sie versuchte, ihren Körper mit den Beinen genügend Schwung zu verleihen, um endlich an Bord zu gelangen. Diese Taktik verbunden mit unkoordiniertem Ziehen und Stöhnen verhalf ihr zum gewünschten Erfolg. Geschunden, aber glücklich, holte sie tief Luft. O Garlen, wie soll ich bloß Markus morgen diese blauen Flecken erklären?
Nun hatte das Spiel für Kailinn richtig begonnen, und trotz der Tortur, die sie eben durchgemacht hatte, fühlte sie sich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Sie blickte sich kurz um und stellte fest, daß anscheinend niemand ihr Eindringen bemerkt hatte. Sie entdeckte eine Luke ins Innere des Schiffes, und schnell schlich sie durch diese Öffnung hindurch.
Sie befand sich nun in einem Gang, der sich am anderen Ende verzweigte. Leider konnte Kailinn hier kein Anzeichen von Udrulls Spur entdecken. Sie beschloß also, das Schiff zu erkunden und ging vorsichtig weiter. Als sie fast das Ende des Ganges erreicht hatte, hörte sie plötzlich Schritte aus der Richtung, aus der sie gerade gekommen war. Sie sah sich nach einem Versteck um, um nicht vorzeitig entdeckt zu werden. Da sie nicht wußte, ob sich nicht jemand hinter den zahlreichen Türen befand, sah sie die Flucht in die Treppe als einzige brauchbare Alternative an. Sie huschte also die Treppe hinauf, während sie aus dem Gang hinter ihr bereits jemanden in dieser für sie unverständlichen T'skrangsprache reden hörte. Kailinn hielt inne, um zu lauschen. Sie hatte den Eindruck, als würde der Matrose zur Treppe kommen, worauf sie leise weiterging.
Sie erreichte das nächste Deck und sah sich um. Ihr blieb nicht viel Zeit, denn der T'skrang kam tatsächlich die Treppe hoch. Sie beschloß, sich hinter der nächstbesten Tür zu verstecken. Sie eilte zur Tür rechts und wollte diese gerade öffnen, als diese Tür von selbst aufging! Kailinn blieb wie versteinert stehen, als sie den T'skrang hinter der Tür erblickte. Es verging eine nervenaufreibende Sekunde, in der keiner der beiden es auch nur wagte, sich zu bewegen. Plötzlich aber machte der T'skrang den Anfang: er begann zu schwanken, und ehe Kailinn sich versehen konnte kippte er nach vorne über und klammerte sich unbeholfen an Kailinn fest.
Kailinn, noch immer starr vor Schreck, konnte den T'skrang aber gerade noch auffangen, wobei sie einen etwas benommenen Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte. "Endlisch, Queschtorin, sind schie da!" lallte der T'skrang, "mir geht esch gar nischt gut. Ich glaaube, isch habe ein bisch'schen su viel gedrungen, und brauche jetzt ihre Hilfe." Kailinn verstand sofort, daß der arme T'skrang wohl mehr Grätzwein probiert hat, als er eigentlich vertragen konnte, und nun unter übelsten Nebenwirkungen litt. Inzwischen kam auch der T'skrang aus dem unteren Deck hoch und sah die beiden engumschlungen im Gang stehen.
"Baldur, hast Du dir wieder jemand mit aufs Schiff gebracht? Du weist doch, der Kapitän sieht das nicht gern!" tadelte der T'skrang seinen betrunkenen Freund, aber sein Kommentar war wohl mehr für Kailinn gedacht.
"Nein, nein, das schiest Du völlig falsch," verteidigte sich Baldur, wobei er Kailinn enger an sich drückte, als es dieser lieb war, "sie ischt die von den Passionen gesandte Heilerin, die misch gesund mascht, weil isch heute besonders ... krank bin!" Und um diese Aussage zu bekräftigen, stieß er einen deftigen Rülpser in Kailinns Ohr. "Sieh Sie Dir doch an, sieht sie wie eine Schlampe aus!" empörte sich Baldur.
Jetzt ergriff Kailinn das Wort. "Natürlich sieht so keine Schlampe aus. So sieht eine Dienerin des Garlentempels aus, und ich habe hier in meiner Tasche alles, um ihn von ihrer Krankheit zu heilen. Wenn ich ihn jetzt also auf sein Zimmer ..."
"Kajüte, heischt dasch ..." laberte Baldur dazwischen.
" ... oder auf seine Kajüte bringen kann, damit er endlich gesund wird, dann wäre ich Ihnen zu großem Dank verpflichtet, junger Mann."
Kailinns energischen Worte machten anscheinend Eindruck auf den zweiten T'skrang. "Aber sicher doch, ich ... ich werde mich dann wieder auf Deck begeben. Gute Nacht!" erwiderte der T'skrang und verschwand wieder.
Kailinn versuchte nun, denn wankenden Baldur zurück in seine Kajüte zu befördern, was sich als schwierig erwies, da dessen Schwanz derart wild umherwedelte, daß Kailinn nach wenigen Schritten von Baldur zu Boden gerissen wurde. Im Gegensatz zu Kailinn fand Baldur die ganze Angelegenheit anscheinend sehr amüsant, da er sich regelrecht kugelte vor Lachen. Kailinn erhob sich und schloß wenigstens die Tür zum Gang, bevor sie versuchte, dem Betrunkenen wieder auf die Beine zu helfen.
Nachdem die beiden ein weiteres Mal umgefallen waren, hatten sie nun endlich die Hängematte des T'skrang erreicht, in dem sie ihn nun fallen ließ. "He, Queschtor, was wollen schie mir nun geben gegen dieschen fiesen Geschmack im Mund, hä!?" wollte Baldur wissen.
Eine gute Frage, dachte Kailinn. Sie öffnete ihre Tasche, um zu sehen, ob sie etwas brauchbares dabei hatte, und wenn es wenigsten nur ein Schlafmittel war. Dummerweise hatte sie nur einige Phiolen mit stark abführendem Harbor-Öl dabei, welches noch dazu äußerst bitter schmeckte.
"He, was hast Du da in der Hand. Meine Meditschin? Los, gib her ..."
Noch ehe sich Kailinn versehen konnte, hatte Baldur ihr bereits das Fläschchen aus der Hand gerissen und mit gierigen Zug geleert. Anscheindend war das Öl doch nicht so bitter, denn er bekundete sein Wohlgefallen wiederum mit einem lauten Rülpser. "Ahh, dasch tut gut. Da gehtsch mir doch gleisch viel besser ..." stellte der T'skrang mit Freuden fest. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren rollte er sich nun in seiner Hängematte zusammen, um sich seinen Rausch auszuschlafen.
Kailinn überlegt, wie sie nun weiter vorgehen sollte. Sie war nun wenigstens im Schiff, und sobald der Besoffene hier endlich eingeschlafen war, konnte sie weiter nach Udrull suchen. Kailinn mußte bei dem Gedanken an Baldur schmunzeln, denn er würde sicher einen aufregenden Tag morgen haben. Sie wandte sich der Tür zu und horchte, ob sie irgendwelche Stimmen oder Schritte hören könne. Leider war dies nicht der Fall, stattdessen nahm sie erneute Aktivität hinter ihr war. Sie drehte sich um und konnte gerade noch erkennen, daß ein kreidebleicher Baldur wie von der Tarantel gestochen auf das offene Bullauge zulief und den Kopf hindurchsteckte. Baldur gab ihr wohlbekannte Würge- und Spucklaute von sich, und Kailinn seufzte laut auf. Das kann ja noch heiter werden.

30 Minuten später, nachdem Baldur sich seines "Leidens" entledigt hatte und endlich in einen tiefen Schlummer gefallen war, schlich Kailinn sich wieder aus der Kajüte, auf der Suche nach Meister Udrull, falls er denn noch an Bord war.
Sie huschte durch die Gänge des Decks, stets darauf konzentriert, Udrulls Spur zu finden. Nachdem sie hier nicht fündig wurde, stieg sie durch die Treppe ein Deck tiefer. Und plötzlich konnte sie wieder den blauen Schimmer erkennen, dem sie bereits durch die halbe Stadt gefolgt war. Schnell folgte sie den Fußspuren, bis sie vor einer verschlossenen Tür angelangt war. Udrull mußte sich auf der anderen Seite der Tür befinden! Kailinn lauschte und vernahm Stimmen. Sie vergewisserte sich noch einmal, daß kein zufälliger Beobachter in der Nähe war, und schob dann ganz vorsichtig die Tür ein kleines Stück zur Seite, um zu sehen was da vorging.
Durch die geöffnete Tür konnte sie in einen mit einer Kerze beleuchteten Frachtraum sehen, in dem sich zwei T'skrang befanden. Der eine war etwas kleiner und blaß, Meister Udrull. Der andere Stand mit dem Rücken zu Kailinn, so daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Aber seine breitschultrige Statur, sein kräftiger Schwanz und sein Lederwams ließen Kailinn vermuten, daß es sich um ein Mitglied der Crew handeln mußte. Die beiden unterhielten sich in ihrer Muttersprache, anscheinend verhandelten sie über etwas, daß sich in einem Käfig am Boden zwischen den beiden T'skrang befand. Zuerst konnte Kailinn in diesem Dämmerlicht nicht genau erkennen, was dort im Käfig eingeschlossen war. Aber als ihr plötzlich bewußt wurde, welche Kreatur sich im Käfig befand, verschlug es ihr beinahe den Atem!
Zwischen den goldglänzenden Gitterstäben hindurch konnte Kailinn die knuddelige Gestalt eines Womka erkennen. Ein Womka ist eine dickes, gemütliches Tier mit einem flauschigen Fell, wenig größer als ein Windling. Womkas besitzen zwischen ihren Vorder und Hinterbeinen bunt glänzende Hautlappen, die sie zu geschickten Fliegern machen. Eigentlich ist der Vergleich mit Windlingen sehr treffend, denn Womkas sind wie Windlinge neugierige, intelligente Wesen, die ihre Freiheit über alles lieben. Manchmal begleiten einzelne Womkas umherziehenden Wanderer, die sich dann oft über die drollige und gemütliche Art der Tiere erfreuen. Tatsächlich würde sogar der wildeste Trollbarbar Barsaives beim Anblick eines Womkas fromm wie ein Kleinkind werden. Alle Namensgeber halten Womkas für eine ganz besondere Art von Wesen, und niemand würde es nur im Traume einfallen, einem Womka etwas anzutun, geschweige denn ihn in einen Kiste zu sperren. Na warte, empörte sich Kailinn, wenn das rauskommt, dann Gnade dir Mynbruje! Man kann sich vieles erlauben, aber einen Womka gefangenzuhalten war fast schlimmer als einem Windling die Flügel abzuschneiden.
Kailinn hatte genug gesehen und wollte sich gerade aus dem Staub machen, als der größere der beiden T'skrang das Flackern der Kerzenflamme bemerkte. Er hatte schon die ganze Zeit über nach einem Grund für diesen Luftzug gesucht, und aus einem Augenwinkel heraus bemerkte er jetzt die geöffnete Tür zum Gang. Blitzschnell drehte er sich herum und schoß wie ein Pfeil auf die Tür zu.
Kailinn war entdeckt und mußte nun verschwinden. Sie rannte so schnell sie konnte zur Treppe zurück. Sie hatte genug gesehen, jetzt ging es darum, so schnell wie möglich vom Schiff zu gelangen. Das Adrenalin schoß ihr wieder durch die Adern und versetzte sie in dieselbe Euphorie, mit der sie bereits Udrulls Spur durch die halbe Stadt verfolgt hatte. Ihr Herz schlug schneller beim Gedanken an die bevorstehenden Hetzjagd. Sie war wieder in ihrem Element, und die Magie arbeitete wieder für sie. Mit einigen schnellen Schritten war sie bereits an der Treppe, als der T'skrang in seinem Lederwams durch die Tür des Laderaums rannte. Kailinn blickte zurück und konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren; so viel Spaß hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.
Mit einer schlafwandlerischen Sicherheit eines Eichhörnchens kletterte sie die steilen Stufen der Treppe zum nächsten Deck hinauf. Aber auch der T'krang war nun in Fahrt gekommen, und er holte auf. Kailinn stürmte lautlos den Gang hinab, und hatte fast die Tür zum Oberdeck erreicht, als sie den Schatten einer Wache in dem Durchgang erblickte. Schnell bremste sie ihren Lauf ab und warf sich ohne groß zu schauen in den Seitengang rechts von ihr. Sie konnte gerade in letzter Sekunde dem Griff eines anderen T'skrang ausweichen, der sich dummerweise in diesem Gang befand, indem sie einfach zwischen seinen Beinen hindurchrutschte. Schnell kam sie wieder auf die Beine, denn wenn sie nicht eingekesselt werden wollte, dann sollte sie lieber den eben eingeschlagenen Gang weiter folgen. Gedacht, getan, fetzte Kailinn wie von einer Windböe getrieben an den Türen vorbei, ihr neuer Verfolger dicht an den Fersen.
Am Ende des Ganges befand sich ein Bullauge, aber sie war nicht schmal genug, um sich durch einen Sprung durch die Öffnung in Freiheit zu begeben. Also bog sie wieder nach rechts ab und stürmte den Gang hinab, in der Hoffnung, daß der Ledert'skrang nicht hinter der nächsten Ecke auf sie warten würde. Sie blickte sich erneut nach ihrem Verfolger um (eine schlechte Angewohnheit) und konnte mit Genugtuung sehen, daß sie ihm wohl in bezug auf Schnelligkeit überlegen war. Doch von ihrer verfrühten Schadenfreude abgelenkt achtete sie nicht auf den Gang vor ihr, und so prallte sie völlig unvorbereitet gegen jemand oder etwas, daß es ihr fast die Sinne raubte. Benommen kämpfte sie verzweifelt gegen das Bestreben ihres Körpers, sich taumelnd zu Boden zu begeben, dem sie schließlich doch unterlag. Das einzige, was sie noch wahrnahm, bevor ihre Verfolger sich auf sie stürzten, war Baldurs rostige Stimme: "Oh, örks, 'schuldigung, ich hab dich nicht gesehen ..."

Die beiden T'skrang hatte Kailinn schnell in ihrer Gewalt. Sie drückten ihre Arme hinter ihrem Rücken hoch und zerrten sie recht unsanft in ein einen großen Raum, der wohl der Speisesaal war. Der Ledert'skrang war ziemlich verärgert, und er schrie Kailinn an: "Was zum Greifen hast Du hier auf unserem Schiff zu suchen!"
Kailinn beschloß, daß es in ihrer Situation wohl besser war, die Wahrheit zu sagen. "Ich hatte gehofft, Meister Udrull zu finden. Ich wollte mit ihm sprechen."
"Gewiß wolltest Du das, denn wie jeder weiß, hält Meister Udrull mitten in der Nacht in einem Frachtraum voller kostbarer Waren seine Sprechstunden ab", frotzelte der T'skrang. "War es nicht eher so, daß Du einfach deine Tasche mit Diebesgut füllen wolltest?"
"Nein, so war es sicher nicht," verteidigte sich Kailinn. "Seht ihr denn nicht, daß ich Tempeldienerin bin? Seit wann plündern Garlendiener Frachträume der T'skrang. Ich war auf der Suche nach Udrull."
Mittlerweile war Udrull eingetroffen und mischte sich ins Verhör ein. "Und was könntet Ihr von mir wollen, daß Ihr mir zu nächtlicher Stunde nachspioniert und sogar nicht davor zurückschreckt, in ein fremdes T'skrangschiff einzubrechen? Warum sollten wir nicht annehmen, daß Ihr einfach ein gewöhnlicher Dieb seid?"
"Bitte hört mir zu, Meister Udrull," flehte Kailinn, "mein Name ist Kailinn Brehm, ich bin die Frau von Markus Brehm." Als Kailinn den Namen ihres Mannes erwähnte, zog Udrull eine Augenbraue hoch. "Sie wissen sicherlich, wer das ist. Sie sind im Besitz eines Schuldscheins, dessen Summe sie morgen von ihm einfordern wollten. Aber wir können bis morgen das Geld nicht zahlen, obwohl er viele Aufträge in Arbeit hat. Deshalb wollte ich mit Ihnen reden, ob Sie uns nicht einen Aufschub von vielleicht vier Wochen gewähren könnten."
Udrull fuhr sich mit seiner rechten um sein Kinn. "Ich verstehe, was sie wollen, solche Praktiken sind mir bestens bekannt. Eine Monat Aufschub heute, und wenn er einmal empfänglich war für diese Idee, dann kann man ihn auch ein zweites und drittes mal hinhalten, und mein Geld sehe ich dann erst in hundert Jahren. Tut mir leid, darauf lasse ich mich nicht ein. Sie hatten genügend Zeit, sich das nötige Geld zu besorgen," belehrte er Kailinn. "Ich kann ihrer Bitte nicht nachkommen, vorallem nicht nachdem, was sie sich heute geleistet haben. Hätten sie vielleicht früher einmal mit mir gesprochen, hätte ich vielleicht einem kurzen Aufschub zugestimmt. Aber zu glauben, auf diese impertinente Art und Weise etwas erreichen zu können, ist einfach töricht. Junge Dame, sie müssen noch an ihren Manieren arbeiten."
"Hören Sie doch mit ihrem Überheblichen Getue auf, Udrull!" gab Kailinn verärgert zurück. "Wie können Sie nur mir Vorhaltungen machen, wo sie selbst nicht viel besser sind. Oder war das da unten im Käfig etwa kein Womka?"
Obwohl sich Udrull große Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen, bestätigte das Glitzern seiner Augen Kailinns Vermutung. Sie fuhr fort: "Wie können sie auch nur auf den Gedanken kommen, sich auf so etwas einzulassen. Dieses unschuldige Tier gefangenzunehmen und für ein paar Silberstücke zu kaufen, als ob es nichts anderes wäre als ein Faß Wein oder ein theranischer Sklave."
"Hören Sie auf, das ist etwas anderes!" verteidigte sich Udrull entrüstet.
"Ach ja, wieso ist das etwas anderes?" erwiderte Kailinn. "Sklaven werden gekauft und wie eine Sache behandelt. Wo ist da der Unterschied?" wollte Kailinn wissen. "Ich glaube, ich habe eine sehr gute Vorstellung davon, was sie mit dem Tier vorhaben. Sie nehmen es mit in Ihre Gemächer im Gelben Turm, wo es von nun an sein kärgliches Leben fristen. Sie sollten doch wissen, daß ein Womka in Gefangenschaft nie so fröhlich und unbeschwert ist wie in der freien Natur. Und das alles nur aus einem lüsternen Sammlerwillen heraus, aus einer unstillbaren Gier nach dem Besonderen, habe ich nicht recht?"
Kailinns Worte zeigten Wirkung, denn Udrull ging nun aufgebracht im Zimmer hin und her. "Seien Sie still," fauchte er die Frau an, "Sie haben doch keine Ahnung, worum es geht." Seine Stimme begann leicht zu zittern, als koste es ihm große Kraft, das zu sagen, was ihn bewegte. "Wissen Sie, wie es ist, wenn man die Straße betritt und die Leute hinterrücks über einen lachen und herziehen? Glauben Sie bloß nicht, ich wüßte nicht, wie man in der Stadt über mich spricht. Der Alte Prinzipienreiter, der Stänkerer, der verrückte Questor, der mit dem Herz aus Stein, und was man sonst noch so über mich sagt. Ich bin doch ein Fremder in dieser Stadt, um den niemand weint, wenn es mal mit ihm zu ende ist."
Kailinn wollte etwas erwidern, aber der T'skrang ließ ihr keine Gelegenheit dazu. "Sobald ich den gelben Turm verlasse spüre ich ganz deutlich den Neid und die Mißgunst der anderen. Das war nicht immer so, oh nein, erst seit ich Hafenmeister bin. Einige haben mir einfach nicht verziehen, daß ich den Stadtrat auf gewisse Fehler und Unterlassungen hingewiesen habe, und so sie heizen seit Jahren die Stimmung gegen mich an. Glauben Sie, ich wollte freiwillig mich mit jedem anlegen? Nein, aber man ließ mir keine Wahl. Ich wollte niemals so einsam sein, wie ich es jetzt bin ..." Bei den letzten Worten versagte Udrulls Stimme, zu aufgewühlt war er durch seine Rede.
Kailinn war sichtlich ergriffen von dem, was sie gerade anhören mußte. Obwohl auch sie von Udrull wußte, hatte sie doch keine Ahnung, wie sehr er unter dieser Ausgrenzung litt. Stets sah sie ihn nur als mürrischen alten Pedanten, aber nie hatte sie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, weshalb er zu der Person wurde, die er heute ist, und ob ihm das überhaupt gefällt. Die Sehnsucht nach Abenteuer und Aufregung wich aus ihrem Inneren und machte wieder dem Platz, das die letzten Jahre hindurch bereits dort war: Mitgefühl. Tatsächlich, sie empfand Mitleid mit dem schluchzenden T'skrang vor ihr.
"Ich glaube, ich verstehe," sagte sie sanft, "aber es ist nicht richtig, Freunde durch ein gefangenes Tier zu ersetzen. Sie brauchen keinen Schoßhund. Es war nicht richtig, daß man Sie praktisch in ihren Gelben Turm verbannte, und Sie haben vielleicht auch allen Grund verbittert zu sein. Aber denken Sie zum Beispiel nur doch einmal darüber nach, was sie gerade vorhaben. Denken Sie an das Womka! Was soll man von jemandem halten, der sich ein Womka als Haustier halten soll. Können Sie sich vorstellen, was das für einen Eindruck auf jemanden macht, der Sie noch nicht kennt?"
Udrull schwieg, da er nicht verstand, worauf sie hinauswollte, weshalb Kailinn weitersprach: "Man wird sagen, was für ein Rohling Sie doch sind, wenn Sie es fertigbringen, ein Womka gefangenzuhalten. 'Mit so jemandem wollen wir nichts zu tun haben!' sagt sich der Fremde."
"Aber bin ich denn nicht schon dieses Monster, daß der Fremde in mir sehen würde", wandte Udrull ein. "Ich bin doch schon für eine ganze Stadt ein Sonderling, ein Monster!"
"Vielleicht für die meisten", räumte Kailinn ein. "Aber nur, weil diese Namensgeber Sie nie anders kennengelernt haben. Man hat sie zu einem Einzelgänger gemacht, das stimmt. Aber vielleicht haben Sie selbst auch Schuld daran, vielleicht gefällt Ihnen sogar die Rolle des Märtyrers, der von seinen Zeitgenossen zu einem Außenseiter gemacht wurde und schließlich daran zerbricht. Aber das alles ist doch nicht wichtig. Das einzige was zählt ist das, was Sie selbst aus ihrem Leben machen. Sie können gerne so weitermachen wie bisher, aber denken Sie darüber nach, was Sie durch Ihr Verhalten sich selbst und auch anderen antun. Es ist eine leichtes, stets die Schuld auf seine Mitmenschen oder die Gesellschaft zu schieben. Aber oft spiegelt das nur die eigene Untätigkeit wieder, sein Leben selbst zu gestalten."
"Sie glauben also tatsächlich, ich wäre unfähig, mein eigenes Leben zu leben" sagte Udrull erschöpft.
"Ich meine nicht, daß sie alleine Ihr Leben ändern müssen. Das würden Sie nicht schaffen, das würde niemand schaffen. Aber das müssen Sie auch nicht. Aber was Sie tun müssen, das ist der erste Schritt; zuerst müssen Sie es selbst wollen. Der Rest wird dann schon folgen."
"Sie haben gut reden, Sie haben jemanden, der Sie liebt, aber was habe ich?"
"Liebe und Zuneigung kann man nicht dadurch erreichen, daß man jemanden seinen Willen aufzwingt. Sie müssen die Tür hinter dem Womka nicht verschließen, sondern öffnen, nur dann kann jemand zu Ihnen kommen. Öffnen sie die Tür, und lassen Sie den Womka frei. Sehen Sie denn nicht, daß Sie ihm den selben Schmerz zufügen würde, den man Ihnen zugefügt hat? Man kann Unrecht nicht mit einem anderen Unrecht vergelten. Lassen sie das Tier frei, öffnen Sie die Tür seines Käfigs. Er selbst kann am allerwenigsten dafür."
"Und wer öffnet die Tür zu meinem Gefängnis, wer befreit mich?" entgegnete ihr der Hafenmeister.
"Nun, wie wäre es, wenn Sie mich begleiten und erst einmal meinen Mann kennenlernen ..." schlug Kailinn vor.

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