Kailinn Brehm
Kailinn
Brehm liebte ihr Tätigkeit als Dienerin im Garlentempel, denn sie
empfand stets große Genugtuung darin, für andere Menschen da zu
sein, ihnen ein Ohr für ihre Probleme zu leihen. Natürlich gab es im
Tempel auch alltägliche Aufgaben, die einige als lästige
Alltagsroutine empfanden, aber Kailinn verrichtete selbst Dinge wie
Heiltränke brauen und Kräuter sammeln mit großer Sorgfalt und
Hingabe. Und für gewöhnlich gelang es ihr, die anderen Tempeldiener
mit ihrem Enthusiasmus anzustecken.
Doch der heutige Tag war ganz anders; Kailinn erledigte ihre
Aufgaben ungewohnt ruhig und ohne große Anteilnahme. Mareen, einer
anderen Tempeldienerin, war Kailinns merkwürdiges Verhalten
aufgefallen, und jetzt, als die beiden Frauen mit der Zubereitung
der Gellobeerenmarmelade beschäftigt und ungestört waren, sprach sie
Kailinn darauf an.
"Sag mal, stimmt irgendwas nicht?" fragte Mareen.
"Wie? Was soll nicht stimmen?" antwortete Kailinn mit einer
Gegenfrage.
"Na, komm schon, ich merke doch, daß da etwas los ist. Du bist doch
sonst nicht so abwesend", erwiderte Mareen.
Kailinn nahm ein paar weitere Beeren aus dem Berg vor ihnen auf den
Tisch, während sie verlegen herumdruckste: "Ich weiß nicht so recht,
eigentlich ist es nichts. Vergiß es." "Jetzt hab dich nicht so",
protestierte Mareen. "Geteiltes Leid ist halbes Leid, oder etwa
nicht? Hast du Streit mit Markus?"
"Nein, nicht. Oder ... eigentlich schon." Mit einem Seufzer gab
Kailinn Mareens Drängen nach. "Stell dir vor, er hat mir heute
morgen erzählt, daß er beim Glücksspiel 1000 Silberstücke verloren
hat. Da er nicht soviel Geld hatte - woher denn auch - hat er einen
Schuldschein dafür ausgestellt. Und der wird morgen fällig. So,
jetzt weißt du's."
"Du meine Güte!" sagte Mareen. "Wie, ich meine, wo ... woher will er
denn das ganze Geld nehmen?"
"Das ist es eben", meinte Kailinn. "In der Schreinerei lief es nicht
besonders, obwohl in den letzten zwei Wochen neue Aufträge
reingekommen sind. Markus und unser Lehrjunge stehen jetzt zwar den
ganzen Tag in der Werkstatt, aber er konnte in der kurzen Zeit
unmöglich das ganze Geld zusammentragen. Es fehlen immer noch 400
Silberstücke, die zwar in Aussicht stehen, die er aber erst nach
Beendigung seiner Arbeit erhält. Und das dauert noch ein paar
Wochen. Das heißt, daß morgen der Besitzer des Schuldscheins bei uns
anklopft, und wenn wir nicht 1000 Silberstücke haben, dann kann er
mitnehmen, was er will. Ich könnte Markus ohrfeigen für seine
Dummheit. Wie konnte er sich nur auf ein Kartenspiel einlassen!"
"Hast du schon mal versucht, mit dem Besitzer des Schuldscheins
reden?" wollte Mareen wissen.
"Das ist es ja gerade. Der Schuldschein hat nämlich bereits eine
turbulente Reise hinter sich. Ursprünglich hatte Markus ihn für
Rabadar den Spieler ausgestellt. Der hatte jedoch zwei Wochen später
beim Würfeln den Schein an den Offizier eines T'skrangschiffes
verloren. Der wiederum benutzte den Schuldschein, um ausstehende
Hafengebühren zu begleichen, und so landete der Schein jetzt beim
Hafenmeister Udrull Tes'vas. Und da muß ich dir wohl erst nicht
erklären, wie aussichtslos es ist, einen Aufschub zu erreichen."
Udrull Tes'vas war der Hafenmeister der Stadt, und seine
herausragendsten Eigenschaften sind Pflichtbewußtsein und
Unbestechlichkeit. Seine moralischen Überzeugungen aber, an deren
überzogen hohen Maßstäben er jeden mißt, haben ihm im Lauf der Jahre
den Ruf eines konservativen, halsstarrigen Pedanten eingebracht, mit
dem nicht gut Gellobeeren essen ist.
"Das ist ja ein echter Schlammassel, in dem ihr da steckt. Von allen
Einwohnern Mahatschs muß es Udrull sein. Das ist ein echtes
Vestrialgeschenk."
"Und an allem ist nur Markus Schuld. Hätte er nur früher etwas
gesagt, aber der werte Herr mit seinem männlichen Stolz kann dem
armen, gebrechlichen Weibchen ja diese Wahrheit nicht zumuten. Am
liebsten würde ich ihm die Ohren bis zum Boden langziehen, damit er
nie wieder auf den Gedanken kommt, sich auf Glücksspiel einzulassen.
So doof kann man doch gar nicht sein!" Kailinn warf zornig einige
der Beeren auf den Tisch zurück. Nachdem sie sich wieder beruhigt
hatte, redete sie weiter: "Ach, ich bin nicht wirklich wütend auf
ihn. Dazu liebe ich ihn zu sehr. Aber trotzdem macht mir diese Sache
zu schaffen. Was sollen wir denn machen, wenn Markus auch noch sein
Werkzeug verliert."
"Hast du schon einmal mit Questorin Gamwysch gesprochen. Vielleicht
kann sie dir Geld leihen."
"Ich habe auch schon daran gedacht, aber ehrlich gesagt behagt mir
der Gedanke nicht. 400 Silberstücke sind kein Pappenstiel", gab
Kailinn zu bedenken. "Außerdem will ich die Arbeit im Tempel nicht
dadurch belasten. Es gibt schließlich andere Namensgeber, denen es
viel schlimmer geht als Markus und mir."
"Und wenn Du doch noch versuchst, mit Udrull über einen Aufschub zu
reden? Wenn du ihm eure Lage schilderst, vielleicht zeigt er dann
Verständnis für Eure Situation", schlug Mareen vor.
"Eher werden Troll und Windling Freunde", erwiderte Kailinn.
"Warum versuchst du's nicht einfach. Besser es probiert und dabei
nichts erreicht zu haben, als nur schicksalsergeben abzuwarten. Was
kannst du schon verlieren? Und wer weiß, vielleicht hat er einen
weichen Fleck, den bisher noch niemand gefunden hat."
"Und das soll ausgerechnet mir gelingen." Kailinn legte ihre Stirn
in Falten. "Gut, ich werde zu Udrull gehen und mit ihm reden."
"Aber erst, wenn die Marmelade fertig ist", ergänzte Mareen. "Falls
sie heute noch fertig wird", fügte sie beim Anblick des riesigen
Beerenberges vor ihnen hinzu.
Die Zubereitung der Marmelade hatte mehr Zeit in Anspruch
genommen, als Kailinn lieb war. Die Sonne war gerade dabei, hinter
dem Horizont zu versinken, als Kailinn endlich den Tempel Garlens
verließ. Sie verabschiedete sich von den Tempeldienern am Eingang
und schlenderte über den Alten Kornmarkt, um noch die letzten warmen
Sonnenstrahlen des Tages auf ihrer Haut zu spüren. Um diese Zeit war
kaum mehr etwas von dem geschäftigen Treiben zu spüren, daß man
sonst tagsüber hier antreffen konnte. Eine Handvoll Kinder liefen
schreiend umher und spielten Fangen, während einige ältere
Namensgeber auf Bänken sitzend den Tag gemütlich ausklingen lassen
wollten und den Kindern mißbilligende Blicke zuwarfen.
Kailinn folgte nun der Straße, die hinab zum Hafenviertel führte.
Der Hafen der Stadt war mittlerweile zu einer der wichtigsten
Einnahmequelle geworden, wenn nicht zu der wichtigsten schlechthin.
Mahatsch gewann durch Zölle, Steuern und anderen Abgaben aus
Geschäften, die direkt oder indirekt mit dem Hafen zu tun haben, ein
kleines Vermögen. Um so wichtiger war es, daß eine unbestechliche
und pflichtbewußte Person die Abwicklung dieser Zahlungen
überwachte. In den Jahren vor Udrull hatte niemand in der Stadt auch
nur einen Schimmer, welch enormes finanzielles Potential in den
Hafenanlagen stecken würde, da keiner der früheren zwergischen
Hafenmeister seine Arbeit zu genau machte. Erst Udrull gelang es,
Gewinne aus dem Hafengeschäft zu schlagen. In der Tat ging die
Geschichte um, daß er seine Anstellung nur deshalb erhalten hatte,
weil er mitten in eine Ratssitzung hineingeplatzt war und den Herren
Stadträte eine detaillierte Kostenrechnung und gleichzeitig ein
Konzept zur effektiveren Bewirtschaftung vorgelegt hatte. Der
Stadtrat hatte sich daraufhin mit Udrulls Vorschlägen befaßt, und
eine Woche später war der alte Hafenmeister vom Primus gefeuert und
durch Udrull ersetzt. Und jetzt erwarte ich, von dem
entschlossensten und geldgierigsten T'skrang westlich von Thera
einen Aufschub unserer Schuldfrist zu erreichen, dachte Kailinn bei
sich. Frau, du bist total verrückt!
Ohne Vorwarnung wurde sie plötzlich aus ihren Gedanken gerissen.
Etwas erregte die Aufmerksamkeit ihrer Sinne (ein kaum merkliches
Ziehen an ihrer Tasche, wie sie später erkannte), und obwohl sie
nicht genau wußte, was der Auslöser war, übergab sie die Kontrolle
ihres Körpers ihren Instinkten, oder wie immer man diese Art von
Reflexen nennen wollte. Blitzschnell fuhr sie herum und packte das
Handgelenk eines Menschenknaben. Ihr Griff war so fest, daß dieser
vor Schmerz leise aufstöhnte und ein kleines Messer fallen ließ.
Kailinn sah den Augen des halbwüchsigen Taschendiebs eine
grenzenlose Verwunderung darüber, wie schnell die Frau sein Treiben
bemerkt hatte. Und Kailinn war selbst verwundert darüber. Sie warf
dem Grünschnabel den furchteinflößendsten Blick zu, zu dem sie in
der Lage war, und stieß ihn von ihr, wobei er nur mit Mühe das
Gleichgewicht halten konnte. Sie zischte ihm noch ein "Laß Dich
nicht noch einmal erwischen!" nach, als dieser sich bereits
davonmachte.
Kailinn blickte dem davonlaufenden Jungen nach, bis er in eine Gasse
eingebogen war. Sie überprüfte ihre Tasche und stellte fest, daß der
Junge versucht hatte, den Lederriemen mit einem Messer zu
durchtrennen, um sich dann schnell mit seiner Beute davonmachen zu
können. Kailinn hob das Messer auf und steckte es zu den Töpfen und
Phiolen und ihrer Tasche. Als sie ihren Weg fortsetzte, fühlte
Kailinn eine Spur von Aufregung, die sie schon seit langem nicht
mehr gespürt hatte. Es war diese Euphorie, dieses Prickeln, das sich
in ihrem Körper einstellte, wenn sie der Magie freien Lauf ließ. Der
Magie eines Pfades, den sie schon vor langem den Rücken gekehrt
hatte, und zu dem sie auch nicht mehr zurückkehren wollte. Aber
manchmal entstanden Situationen, in denen ihr Entscheidungen und
Handlungen abverlangt wurden, die sie nicht erst im Kopf formulieren
konnte, und dann setzte der Geist des Scouts seine Macht ein, wie
gerade zuvor. Kailinn wußte, daß der kleine Strauchdieb gut war und
ein gewöhnlicher Namensgeber den Verlust der Tasche wahrscheinlich
erst Zuhause bemerkt hätte. Der Umstand, daß sie seinen geschickten
Fingern zuvorgekommen war, erfüllt sie mit einem Gefühl aus Stolz
und innerer Genugtuung, einem Gefühl, das gut tat, beinahe zu gut.
Kailinn biß die Zähne zusammen und versuchte, ihre innere Freude ob
des Vorfalls zu unterdrücken. Solche Gefühle gehörten ein für
allemal der Vergangenheit an. Heute hatte sie andere Sorgen und
Probleme. Und das wichtigste Problem war grünbeschuppt und im Gelben
Turm der Hafenmeisterei anzutreffen, wohin sie nun auch mit zügigem
Schritt ihren Weg fortsetzte.
Zehn Minuten später trat Kailinn über die Schwelle des Gelben
Turms. In dem großen runden Raum, in dem Udrull und seine Schreiber
ihre Arbeit verrichteten, war niemand mehr anwesend außer dem
stadtbekannten T'skrang Trepell. Stadtbekannt deshalb, weil fast
jeder in der Stadt schon einmal seine Dienste in Anspruch genommen
hatte. Die eigenwillige Gerichtstradition der Stadt Mahatsch
gewährte jedem Angeklagten das Recht ein, die Hilfe eines
Rechtsbeistandes in Anspruch zu nehmen, was man bei dem
umfangreichen Gesetzeswerk der Stadt auch unbedingt tun sollte.
Magellan Trepell war für diese Zwecke der beste, den man bekommen
konnte, denn sein scharfsinniger Verstand machte seine sonst etwas
geschwätzige Art locker wieder wett. Magellan schreckte (im
Gegensatz zu seinem Chef) auch nicht davor zurück, vorhandene
Gesetze und Regeln etwas zurechtzubiegen, solange er dadurch
jemandem aus der Patsche helfen konnte. Es wäre sicher kein Problem
gewesen, Magellan davon zu überzeugen, das schuldige Geld einen
Monat später zu verlangen.
Trepell blickte von den Papieren auf seinem Pult auf, als er
Kailinns Anwesenheit bemerkte. "Guten Abend, werte Tempeldienerin.
Was führt Sie zu so später Stunde noch hier her? Sie werden doch
nicht irgendwelche ... Schwierigkeiten haben?" erkundigte sich der
T'skrang höflich.
"Nun ja, also, nein, ich habe keine Schwierigkeiten dieser Art,"
versicherte ihn Kailinn mit einen Lächeln, "ich wollte eigentlich zu
Meister Udrull. Aber ich sehe, er hat seinen Schreibtisch bereits
verlassen."
"Ja, richtig, aber er hat sich noch nicht ins Obergeschoß
zurückgezogen. Stattdessen brach er vor kurzem auf, und ich weiß
leider nicht, wohin ihn sein Weg führte." antwortete Trepell
geflissentlich.
Ach verdammte... dachte Kailinn, jetzt habe ich ihn
verpaßt. Haben sich denn alle Passionen gegen mich verschworen?
Trepell blieb die Enttäuschung in Kailinns Gesicht nicht verborgen,
und deshalb bot er seine Hilfe an. "Soll ich ihm denn etwas
bestellen, oder kann ich sonst etwas für Sie tun?"
Kailinn mußte sich nun gegen das Pult gegenüber anlehnen, bevor sie
antwortete. "Haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, als würde
Ihnen Dis, Raggok und Vestrial bei allem, das Sie anfangen, Knüppel
zwischen die Beine werfen. Ich meine so Tage, an denen wirklich
schon seit der Morgenwäsche alles schiefgeht?"
"Gewiß kenne ich auch solche Tage, werte Frau", versicherte Treppell.
"Erst letzte Woche hatte ich einen solchen Tag, als ich meine
Schlußrede in der Verteidigung des Irrlichtmörders sucht, und diese
dann zwei Stunden später im Garten vom Kind meiner Schwester in 1000
kleine Papierfetzen verwandelt vorfand. Bevor ich jedoch irgendetwas
retten konnte, fuhr sofort ein Windstoß durch den Papierhaufen, um
meine geniale Rede in alle vier Himmelsrichtungen zu verteilen. Also
mußte ich mir schnell etwas neues einfallen lassen, was ... im
Nachhinein betrachtet gar nicht so schlecht war, weil mir noch etwas
ganz entscheidendes einfiel, daß ich zuvor stets übersehen hatte,
nämlich war das Irrlicht ... aber das gehört eigentlich jetzt nicht
hierher. Jedenfalls, Sie glauben, daß Sie heute einen solchen Tag
hinter sich haben?"
"Ohja, das kann man wohl behaupten", gab Kailinn zu. "Zuerst
offenbart mir mein Mann, daß er 1000 Silberstücke Schulden gemacht
hat, die morgen fällig werden. Das beste ist jedoch, daß der
Schuldschein sich nun im Besitz von Meister Udrull befindet. Jetzt
dachte ich, ich spreche mit ihm über einen Zahlungsaufschub, da wir
noch nicht das ganze Geld haben. Aber habe ich meine Chance mit ihm
zu reden verpaßt, weil heute die Arbeit im Tempel besonders lange
gedauert hat." Kailinn seufzte erschöpft.
"Das tut mir leid", erwiderte Trepell sichtlich betroffen. "Wenn ich
wüßte, wohin Udrull ging, würde ich es Ihnen bestimmt sagen, aber
ich habe leider keine Ahnung. Aber wenden Sie sich doch morgen
wieder an mich, wenn Udrull vor Ihrer Tür steht und Ihnen ihren
Besitz nehmen will. Ich werde mich bei Gericht für Sie einsetzen,
..."
Kailinn achtete nur mit halbem Ohr auf Trepell, und starrte nebenbei
Löcher in den Boden. Innerlich stellte sie sich bereits darauf ein,
sich von einigen liebgewonnen Einrichtungsgegenständen trennen zu
müssen. Als sie den Boden beobachtete, entstand plötzlich in einer
der untersten Ecken ihres Kopfes ein Gedanke, der sich in
sekundenschnelle an die Oberfläche gekämpft hatte. Was wäre, wenn
sie einfach versuchen würde, noch heute nacht mit Udrull zu
sprechen. Sie hatte zwar keine Ahnung, wann er zurückkommen würde
oder wohin er ging, aber dem konnte man Abhilfe verschaffen. Wenn
sie also nicht die ganze Nacht vorm Gelben Turm auf seine Rückkehr
warten wollte, dann sollte sie vielleicht seinen Weg verfolgen.
Erneut überkam sie eine diese altbekannte Aufregung, als sie sich zu
konzentrieren begann und den Boden nach einer Spur absucht, die sie
direkt zu Udrull führen sollte. Sie starrte intensiv auf den Boden,
und ihre Sinne öffneten sich. Sie nahm jede Unebenheit des Holz,
jedes einzelne Staubkorn war. Der Geruch der Holzbalken fühlte ihre
Nase aus, und in ihrem Ohr hallten Tausende von Schritten wider. Ihr
Sicht verschwamm etwas, und dann sah sie Hunderte von Schuh- und
Fußabdrücke in allen Farben des Regenbogens, die das Holz des Bodens
jemals berührten, und sie schossen in wirren Spiralmustern aus
Kailinns Sicht, bis nur noch eine blau leuchtende Spur übrig blieb:
die Spur Udrulls.
"Hallo! Hallo? Geht es Ihnen gut?" Kailinn sah auf und blickte in
Trepells besorgtes Gesicht.
"Ja, ich war nur ... etwas gedankenverloren. Magellan, vielen Dank
für Ihre Hilfe, das ist sehr lieb von Ihnen, aber ich denke, ich
werde mein Glück heute doch noch herausfordern. Vielleicht treffe
ich Meister Udrull und kann mit ihm über alles reden. Jedenfalls
vielen Dank noch, Guten Abend." Kailinn verabschiedete sich und ließ
den etwas verwirrten T'skrang an seinem Pult zurück, der beinahe
vergessen hätte ebenfalls zu grüßen.
Kailinn verließ den Gelben Turm und trat in die bereits
hereingebrochene Nacht hinaus. Sie sog mit einem tiefen Atemzug die
angenehm kühle Luft ein und machte sich an die Verfolgung der blauen
Fußspuren, die nur sie zu sehen vermochte.
Der Weg Udrulls führte Kailinn durch verschiedene Gassen und
Straßen des Hafenviertels. Es hatte den Anschein, als wäre er keiner
bestimmten Strecke gefolgt, da er oft wieder umgekehrt war und den
Weg wieder zurückging. Diese Tatsache stimmte Kailinn etwas
mißtrauisch, aber als sie nun erkannt hatte, wohin Udrull gegangen
war, da wußte sie, daß etwas merkwürdiges vorging. Udrulls Spur
führte nämlich (nach einigem Zick-Zack und langem Hin und Her) auf
ein T'skranghandelsschiff, und das sollte eigentlich der letzte Ort
sein, an dem sich Udrull zu dieser Tages- oder besser Nachtzeit
aufhalten sollte. Wieso sollte er so durch die Stadt schleichen,
um dann klammheimlich auf einem Frachtschiff zu verschwinden,
überlegte Kailinn. Das konnte doch nur bedeuten, daß irgendwas faul
war.
Kailinn hatte sich unweit der Anlegestelle des Schiffs hinter einem
Stapel Kisten versteckt, in der Hoffnung, unbemerkt das Schiff und
seine Crew beobachten zu können. Während die Tempeldienerin die Spur
Udrulls verfolgt hatte, empfand sie richtige Lust daran, sich auf
dieses Wagnis einzulassen. Sie spürte, daß sie diese
allesverzehrende Neugier empfand, welche sie in ihrer Jugend stets
angetrieben und motiviert hatte. Damals es gab nichts aufregenderes,
als die bekannten Grenzen beständig auszuloten, gegebenenfalls zu
verwerfen und neu abzustecken. Heute freilich kannte sie ihre
Grenzen, jedenfalls dachte sie das. Sie war eine selbstbewußte junge
Frau, welche nicht ständig nach einer neuen Ausrichtung in ihrem
Leben suchen mußte, nur um überhaupt ansatzweise zu glauben, ein
ausgefülltes Leben zu führen.
Aber all das war in diesem Moment vergessen. Sie stand nun im
Schutze der Kisten und spionierte das T'skrangschiff aus, dessen
Namen sie leider nicht lesen konnte. Sie erkannte auf Deck nur zwei
Matrosen, welche anscheinend als Wache zurückgelassen worden waren.
Denn wenn das Schiff erst heute angekommen war, dann hatte fast die
gesamte Crew Landgang und würde vor Mitternacht nicht zurückkehren.
Umso verdächtiger, daß sich Udrull auf dem Schiff befand. Er wählte
wohl mit Absicht diesen Zeitpunkt, um möglichst wenig neugierige
Blicke der Crew auf sich zu ziehen.
Zuerst kämpfte Kailinn noch gegen den Drang, sich auf das Schiff zu
schleichen, denn sie wollte bestimmt keinen Ärger mit den Matrosen.
Aber je länger sie diesen Gedanke zu verbannen versuchte, desto mehr
gewann er an Reiz. Es wäre bestimmt nicht schwierig, sich im Schutz
der Nacht über ein Tau an Bord zu schleichen. Ein wohliger Schauer
lief ihr über den Rücken, wenn sie daran dachte, wie ein Schatten
durch die verlassenen Gänge zu schleichen, stets auf der Hut vor den
Wachen, die sie aber letztlich doch nicht erwischen konnten.
Sie zerstreute die letzten Zweifel ob der Richtigkeit ihrer
Entscheidung, gab ihrem Herzen einen Stoß und verließ in geduckter
Haltung ihr Versteck. Schnell rannte sie in dieser Haltung zum
Pfeiler, an dem das Schiff vertäut war, wobei sich die Magie der
Scouts wie ein Mantel um sie legte, der sämtliche Bewegungsgeräusche
einfach schluckte. Sie war am Pfahl angekommen und griff nach dem
dicken Seil, an das sie sich mit ihren Händen nun klammerte. Kailinn
mußte mit Erschrecken feststellen, daß es schwerer war als sie sich
vorgestellt hatte, sich an dem Seil festzuhalten. Das Gewicht ihres
Körpers lastet nun allein auf ihren Händen, die solche Belastungen
nicht gewohnt waren. Schnell begannen die Hände zu brennen, weshalb
Kailinn nun eiligst versuchte, die Beine um das Tau zu schlingen, um
einen Teil der Last von den Armen zu nehmen. Nach einigen Versuchen,
die mehr an die Darbietung einer dieser tolpatschigen
Wanderakrobaten erinnerten, gelang ihr dies tatsächlich. Schnell
ließ der Schmerz in den Armen nach, und nun schob sie sich in dieser
Weise langsam am Seil hoch, bis sie die Reling des Schiffes erreicht
hatte. Klettern war noch nie meine Stärke, jammerte sie
leise.
Der schwerste Teil dieser Aktion stand ihr noch bevor, denn sie
mußte nun vom Tau aus an Bord gelangen. Die Wachen waren im
Vergleich zu ihren schnell schwindenden Kräften das kleinere
Problem. Denn wenn sie ersteinmal von Tau ins Wasser gefallen war,
würde sie sowieso bemerkt werden. Sie hob ihren Blick und sah das
Geländer, welches Sie nun erreichen mußte. Sie griff zuerst mit der
rechten Hand nach dem Holzbalken, und gleich darauf die andere Hand
folgen zu lassen. Nun befand sie sich jedoch in einer sehr
verdrehten Haltung: mit den Händen klammerte sie sich ans Schiff,
und die Füße umfaßten noch immer das Tau. Aber sie scheute davor
zurück, die Umklammerung der Füße zu lösen, denn sie fürchtete, daß
ihr Körper daraufhin mit einem lauten Knall gegen die Bordwand
schlagen würde. Gleichzeitig konnte sie sich nicht mehr lange in
dieser verdrehten Lage halten, da das Ziehen in ihren Armen bereits
sehr unangenehm wurde. Also beschloß sie, die Zähne zusammenzubeißen
und die verschlungenen Beine zu öffnen. Ihr Rumpf schlug zwar gegen
die Wand des Schiffes, aber mit weniger Lärm als befürchtet.
Lautloser Gang funktioniert auch auf diese Art, stellte sie
verblüfft fest, bevor ein unheimlicher Schmerz durch ihren Körper
jagte und sie fürchtete, loslassen zu müssen und uns Wasser zu
plumpsen. Aber sie schaffte es, sich festzuhalten. Sie versuchte,
sich hochzuziehen, wobei sie verzweifelt mit den Füßen die glatte
Schiffswand vergebens nach einem Halt absuchte. Letztlich wählte sie
eine andere Vorgehensweise, bei der sie versuchte, ihren Körper mit
den Beinen genügend Schwung zu verleihen, um endlich an Bord zu
gelangen. Diese Taktik verbunden mit unkoordiniertem Ziehen und
Stöhnen verhalf ihr zum gewünschten Erfolg. Geschunden, aber
glücklich, holte sie tief Luft. O Garlen, wie soll ich bloß
Markus morgen diese blauen Flecken erklären?
Nun hatte das Spiel für Kailinn richtig begonnen, und trotz der
Tortur, die sie eben durchgemacht hatte, fühlte sie sich so lebendig
wie schon lange nicht mehr. Sie blickte sich kurz um und stellte
fest, daß anscheinend niemand ihr Eindringen bemerkt hatte. Sie
entdeckte eine Luke ins Innere des Schiffes, und schnell schlich sie
durch diese Öffnung hindurch.
Sie befand sich nun in einem Gang, der sich am anderen Ende
verzweigte. Leider konnte Kailinn hier kein Anzeichen von Udrulls
Spur entdecken. Sie beschloß also, das Schiff zu erkunden und ging
vorsichtig weiter. Als sie fast das Ende des Ganges erreicht hatte,
hörte sie plötzlich Schritte aus der Richtung, aus der sie gerade
gekommen war. Sie sah sich nach einem Versteck um, um nicht
vorzeitig entdeckt zu werden. Da sie nicht wußte, ob sich nicht
jemand hinter den zahlreichen Türen befand, sah sie die Flucht in
die Treppe als einzige brauchbare Alternative an. Sie huschte also
die Treppe hinauf, während sie aus dem Gang hinter ihr bereits
jemanden in dieser für sie unverständlichen T'skrangsprache reden
hörte. Kailinn hielt inne, um zu lauschen. Sie hatte den Eindruck,
als würde der Matrose zur Treppe kommen, worauf sie leise
weiterging.
Sie erreichte das nächste Deck und sah sich um. Ihr blieb nicht viel
Zeit, denn der T'skrang kam tatsächlich die Treppe hoch. Sie
beschloß, sich hinter der nächstbesten Tür zu verstecken. Sie eilte
zur Tür rechts und wollte diese gerade öffnen, als diese Tür von
selbst aufging! Kailinn blieb wie versteinert stehen, als sie den
T'skrang hinter der Tür erblickte. Es verging eine nervenaufreibende
Sekunde, in der keiner der beiden es auch nur wagte, sich zu
bewegen. Plötzlich aber machte der T'skrang den Anfang: er begann zu
schwanken, und ehe Kailinn sich versehen konnte kippte er nach vorne
über und klammerte sich unbeholfen an Kailinn fest.
Kailinn, noch immer starr vor Schreck, konnte den T'skrang aber
gerade noch auffangen, wobei sie einen etwas benommenen Ausdruck auf
seinem Gesicht bemerkte. "Endlisch, Queschtorin, sind schie da!"
lallte der T'skrang, "mir geht esch gar nischt gut. Ich glaaube,
isch habe ein bisch'schen su viel gedrungen, und brauche jetzt ihre
Hilfe." Kailinn verstand sofort, daß der arme T'skrang wohl mehr
Grätzwein probiert hat, als er eigentlich vertragen konnte, und nun
unter übelsten Nebenwirkungen litt. Inzwischen kam auch der T'skrang
aus dem unteren Deck hoch und sah die beiden engumschlungen im Gang
stehen.
"Baldur, hast Du dir wieder jemand mit aufs Schiff gebracht? Du
weist doch, der Kapitän sieht das nicht gern!" tadelte der T'skrang
seinen betrunkenen Freund, aber sein Kommentar war wohl mehr für
Kailinn gedacht.
"Nein, nein, das schiest Du völlig falsch," verteidigte sich Baldur,
wobei er Kailinn enger an sich drückte, als es dieser lieb war, "sie
ischt die von den Passionen gesandte Heilerin, die misch gesund
mascht, weil isch heute besonders ... krank bin!" Und um diese
Aussage zu bekräftigen, stieß er einen deftigen Rülpser in Kailinns
Ohr. "Sieh Sie Dir doch an, sieht sie wie eine Schlampe aus!"
empörte sich Baldur.
Jetzt ergriff Kailinn das Wort. "Natürlich sieht so keine Schlampe
aus. So sieht eine Dienerin des Garlentempels aus, und ich habe hier
in meiner Tasche alles, um ihn von ihrer Krankheit zu heilen. Wenn
ich ihn jetzt also auf sein Zimmer ..."
"Kajüte, heischt dasch ..." laberte Baldur dazwischen.
" ... oder auf seine Kajüte bringen kann, damit er endlich gesund
wird, dann wäre ich Ihnen zu großem Dank verpflichtet, junger Mann."
Kailinns energischen Worte machten anscheinend Eindruck auf den
zweiten T'skrang. "Aber sicher doch, ich ... ich werde mich dann
wieder auf Deck begeben. Gute Nacht!" erwiderte der T'skrang und
verschwand wieder.
Kailinn versuchte nun, denn wankenden Baldur zurück in seine Kajüte
zu befördern, was sich als schwierig erwies, da dessen Schwanz
derart wild umherwedelte, daß Kailinn nach wenigen Schritten von
Baldur zu Boden gerissen wurde. Im Gegensatz zu Kailinn fand Baldur
die ganze Angelegenheit anscheinend sehr amüsant, da er sich
regelrecht kugelte vor Lachen. Kailinn erhob sich und schloß
wenigstens die Tür zum Gang, bevor sie versuchte, dem Betrunkenen
wieder auf die Beine zu helfen.
Nachdem die beiden ein weiteres Mal umgefallen waren, hatten sie nun
endlich die Hängematte des T'skrang erreicht, in dem sie ihn nun
fallen ließ. "He, Queschtor, was wollen schie mir nun geben gegen
dieschen fiesen Geschmack im Mund, hä!?" wollte Baldur wissen.
Eine gute Frage, dachte Kailinn. Sie öffnete ihre Tasche, um zu
sehen, ob sie etwas brauchbares dabei hatte, und wenn es wenigsten
nur ein Schlafmittel war. Dummerweise hatte sie nur einige Phiolen
mit stark abführendem Harbor-Öl dabei, welches noch dazu äußerst
bitter schmeckte.
"He, was hast Du da in der Hand. Meine Meditschin? Los, gib her ..."
Noch ehe sich Kailinn versehen konnte, hatte Baldur ihr bereits das
Fläschchen aus der Hand gerissen und mit gierigen Zug geleert.
Anscheindend war das Öl doch nicht so bitter, denn er bekundete sein
Wohlgefallen wiederum mit einem lauten Rülpser. "Ahh, dasch tut gut.
Da gehtsch mir doch gleisch viel besser ..." stellte der T'skrang
mit Freuden fest. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren rollte er sich
nun in seiner Hängematte zusammen, um sich seinen Rausch
auszuschlafen.
Kailinn überlegt, wie sie nun weiter vorgehen sollte. Sie war nun
wenigstens im Schiff, und sobald der Besoffene hier endlich
eingeschlafen war, konnte sie weiter nach Udrull suchen. Kailinn
mußte bei dem Gedanken an Baldur schmunzeln, denn er würde sicher
einen aufregenden Tag morgen haben. Sie wandte sich der Tür zu und
horchte, ob sie irgendwelche Stimmen oder Schritte hören könne.
Leider war dies nicht der Fall, stattdessen nahm sie erneute
Aktivität hinter ihr war. Sie drehte sich um und konnte gerade noch
erkennen, daß ein kreidebleicher Baldur wie von der Tarantel
gestochen auf das offene Bullauge zulief und den Kopf
hindurchsteckte. Baldur gab ihr wohlbekannte Würge- und Spucklaute
von sich, und Kailinn seufzte laut auf. Das kann ja noch heiter
werden.
30 Minuten später, nachdem Baldur sich seines "Leidens" entledigt
hatte und endlich in einen tiefen Schlummer gefallen war, schlich
Kailinn sich wieder aus der Kajüte, auf der Suche nach Meister
Udrull, falls er denn noch an Bord war.
Sie huschte durch die Gänge des Decks, stets darauf konzentriert,
Udrulls Spur zu finden. Nachdem sie hier nicht fündig wurde, stieg
sie durch die Treppe ein Deck tiefer. Und plötzlich konnte sie
wieder den blauen Schimmer erkennen, dem sie bereits durch die halbe
Stadt gefolgt war. Schnell folgte sie den Fußspuren, bis sie vor
einer verschlossenen Tür angelangt war. Udrull mußte sich auf der
anderen Seite der Tür befinden! Kailinn lauschte und vernahm
Stimmen. Sie vergewisserte sich noch einmal, daß kein zufälliger
Beobachter in der Nähe war, und schob dann ganz vorsichtig die Tür
ein kleines Stück zur Seite, um zu sehen was da vorging.
Durch die geöffnete Tür konnte sie in einen mit einer Kerze
beleuchteten Frachtraum sehen, in dem sich zwei T'skrang befanden.
Der eine war etwas kleiner und blaß, Meister Udrull. Der andere
Stand mit dem Rücken zu Kailinn, so daß sie sein Gesicht nicht sehen
konnte. Aber seine breitschultrige Statur, sein kräftiger Schwanz
und sein Lederwams ließen Kailinn vermuten, daß es sich um ein
Mitglied der Crew handeln mußte. Die beiden unterhielten sich in
ihrer Muttersprache, anscheinend verhandelten sie über etwas, daß
sich in einem Käfig am Boden zwischen den beiden T'skrang befand.
Zuerst konnte Kailinn in diesem Dämmerlicht nicht genau erkennen,
was dort im Käfig eingeschlossen war. Aber als ihr plötzlich bewußt
wurde, welche Kreatur sich im Käfig befand, verschlug es ihr beinahe
den Atem!
Zwischen den goldglänzenden Gitterstäben hindurch konnte Kailinn die
knuddelige Gestalt eines Womka erkennen. Ein Womka ist eine dickes,
gemütliches Tier mit einem flauschigen Fell, wenig größer als ein
Windling. Womkas besitzen zwischen ihren Vorder und Hinterbeinen
bunt glänzende Hautlappen, die sie zu geschickten Fliegern machen.
Eigentlich ist der Vergleich mit Windlingen sehr treffend, denn
Womkas sind wie Windlinge neugierige, intelligente Wesen, die ihre
Freiheit über alles lieben. Manchmal begleiten einzelne Womkas
umherziehenden Wanderer, die sich dann oft über die drollige und
gemütliche Art der Tiere erfreuen. Tatsächlich würde sogar der
wildeste Trollbarbar Barsaives beim Anblick eines Womkas fromm wie
ein Kleinkind werden. Alle Namensgeber halten Womkas für eine ganz
besondere Art von Wesen, und niemand würde es nur im Traume
einfallen, einem Womka etwas anzutun, geschweige denn ihn in einen
Kiste zu sperren. Na warte, empörte sich Kailinn, wenn das
rauskommt, dann Gnade dir Mynbruje! Man kann sich vieles
erlauben, aber einen Womka gefangenzuhalten war fast schlimmer als
einem Windling die Flügel abzuschneiden.
Kailinn hatte genug gesehen und wollte sich gerade aus dem Staub
machen, als der größere der beiden T'skrang das Flackern der
Kerzenflamme bemerkte. Er hatte schon die ganze Zeit über nach einem
Grund für diesen Luftzug gesucht, und aus einem Augenwinkel heraus
bemerkte er jetzt die geöffnete Tür zum Gang. Blitzschnell drehte er
sich herum und schoß wie ein Pfeil auf die Tür zu.
Kailinn war entdeckt und mußte nun verschwinden. Sie rannte so
schnell sie konnte zur Treppe zurück. Sie hatte genug gesehen, jetzt
ging es darum, so schnell wie möglich vom Schiff zu gelangen. Das
Adrenalin schoß ihr wieder durch die Adern und versetzte sie in
dieselbe Euphorie, mit der sie bereits Udrulls Spur durch die halbe
Stadt verfolgt hatte. Ihr Herz schlug schneller beim Gedanken an die
bevorstehenden Hetzjagd. Sie war wieder in ihrem Element, und die
Magie arbeitete wieder für sie. Mit einigen schnellen Schritten war
sie bereits an der Treppe, als der T'skrang in seinem Lederwams
durch die Tür des Laderaums rannte. Kailinn blickte zurück und
konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren; so viel Spaß hatte sie
schon lange nicht mehr gehabt.
Mit einer schlafwandlerischen Sicherheit eines Eichhörnchens
kletterte sie die steilen Stufen der Treppe zum nächsten Deck
hinauf. Aber auch der T'krang war nun in Fahrt gekommen, und er
holte auf. Kailinn stürmte lautlos den Gang hinab, und hatte fast
die Tür zum Oberdeck erreicht, als sie den Schatten einer Wache in
dem Durchgang erblickte. Schnell bremste sie ihren Lauf ab und warf
sich ohne groß zu schauen in den Seitengang rechts von ihr. Sie
konnte gerade in letzter Sekunde dem Griff eines anderen T'skrang
ausweichen, der sich dummerweise in diesem Gang befand, indem sie
einfach zwischen seinen Beinen hindurchrutschte. Schnell kam sie
wieder auf die Beine, denn wenn sie nicht eingekesselt werden
wollte, dann sollte sie lieber den eben eingeschlagenen Gang weiter
folgen. Gedacht, getan, fetzte Kailinn wie von einer Windböe
getrieben an den Türen vorbei, ihr neuer Verfolger dicht an den
Fersen.
Am Ende des Ganges befand sich ein Bullauge, aber sie war nicht
schmal genug, um sich durch einen Sprung durch die Öffnung in
Freiheit zu begeben. Also bog sie wieder nach rechts ab und stürmte
den Gang hinab, in der Hoffnung, daß der Ledert'skrang nicht hinter
der nächsten Ecke auf sie warten würde. Sie blickte sich erneut nach
ihrem Verfolger um (eine schlechte Angewohnheit) und konnte mit
Genugtuung sehen, daß sie ihm wohl in bezug auf Schnelligkeit
überlegen war. Doch von ihrer verfrühten Schadenfreude abgelenkt
achtete sie nicht auf den Gang vor ihr, und so prallte sie völlig
unvorbereitet gegen jemand oder etwas, daß es ihr fast die Sinne
raubte. Benommen kämpfte sie verzweifelt gegen das Bestreben ihres
Körpers, sich taumelnd zu Boden zu begeben, dem sie schließlich doch
unterlag. Das einzige, was sie noch wahrnahm, bevor ihre Verfolger
sich auf sie stürzten, war Baldurs rostige Stimme: "Oh, örks,
'schuldigung, ich hab dich nicht gesehen ..."
Die beiden T'skrang hatte Kailinn schnell in ihrer Gewalt. Sie
drückten ihre Arme hinter ihrem Rücken hoch und zerrten sie recht
unsanft in ein einen großen Raum, der wohl der Speisesaal war. Der
Ledert'skrang war ziemlich verärgert, und er schrie Kailinn an: "Was
zum Greifen hast Du hier auf unserem Schiff zu suchen!"
Kailinn beschloß, daß es in ihrer Situation wohl besser war, die
Wahrheit zu sagen. "Ich hatte gehofft, Meister Udrull zu finden. Ich
wollte mit ihm sprechen."
"Gewiß wolltest Du das, denn wie jeder weiß, hält Meister Udrull
mitten in der Nacht in einem Frachtraum voller kostbarer Waren seine
Sprechstunden ab", frotzelte der T'skrang. "War es nicht eher so,
daß Du einfach deine Tasche mit Diebesgut füllen wolltest?"
"Nein, so war es sicher nicht," verteidigte sich Kailinn. "Seht ihr
denn nicht, daß ich Tempeldienerin bin? Seit wann plündern
Garlendiener Frachträume der T'skrang. Ich war auf der Suche nach
Udrull."
Mittlerweile war Udrull eingetroffen und mischte sich ins Verhör
ein. "Und was könntet Ihr von mir wollen, daß Ihr mir zu nächtlicher
Stunde nachspioniert und sogar nicht davor zurückschreckt, in ein
fremdes T'skrangschiff einzubrechen? Warum sollten wir nicht
annehmen, daß Ihr einfach ein gewöhnlicher Dieb seid?"
"Bitte hört mir zu, Meister Udrull," flehte Kailinn, "mein Name ist
Kailinn Brehm, ich bin die Frau von Markus Brehm." Als Kailinn den
Namen ihres Mannes erwähnte, zog Udrull eine Augenbraue hoch. "Sie
wissen sicherlich, wer das ist. Sie sind im Besitz eines
Schuldscheins, dessen Summe sie morgen von ihm einfordern wollten.
Aber wir können bis morgen das Geld nicht zahlen, obwohl er viele
Aufträge in Arbeit hat. Deshalb wollte ich mit Ihnen reden, ob Sie
uns nicht einen Aufschub von vielleicht vier Wochen gewähren
könnten."
Udrull fuhr sich mit seiner rechten um sein Kinn. "Ich verstehe, was
sie wollen, solche Praktiken sind mir bestens bekannt. Eine Monat
Aufschub heute, und wenn er einmal empfänglich war für diese Idee,
dann kann man ihn auch ein zweites und drittes mal hinhalten, und
mein Geld sehe ich dann erst in hundert Jahren. Tut mir leid, darauf
lasse ich mich nicht ein. Sie hatten genügend Zeit, sich das nötige
Geld zu besorgen," belehrte er Kailinn. "Ich kann ihrer Bitte nicht
nachkommen, vorallem nicht nachdem, was sie sich heute geleistet
haben. Hätten sie vielleicht früher einmal mit mir gesprochen, hätte
ich vielleicht einem kurzen Aufschub zugestimmt. Aber zu glauben,
auf diese impertinente Art und Weise etwas erreichen zu können, ist
einfach töricht. Junge Dame, sie müssen noch an ihren Manieren
arbeiten."
"Hören Sie doch mit ihrem Überheblichen Getue auf, Udrull!" gab
Kailinn verärgert zurück. "Wie können Sie nur mir Vorhaltungen
machen, wo sie selbst nicht viel besser sind. Oder war das da unten
im Käfig etwa kein Womka?"
Obwohl sich Udrull große Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen,
bestätigte das Glitzern seiner Augen Kailinns Vermutung. Sie fuhr
fort: "Wie können sie auch nur auf den Gedanken kommen, sich auf so
etwas einzulassen. Dieses unschuldige Tier gefangenzunehmen und für
ein paar Silberstücke zu kaufen, als ob es nichts anderes wäre als
ein Faß Wein oder ein theranischer Sklave."
"Hören Sie auf, das ist etwas anderes!" verteidigte sich Udrull
entrüstet.
"Ach ja, wieso ist das etwas anderes?" erwiderte Kailinn. "Sklaven
werden gekauft und wie eine Sache behandelt. Wo ist da der
Unterschied?" wollte Kailinn wissen. "Ich glaube, ich habe eine sehr
gute Vorstellung davon, was sie mit dem Tier vorhaben. Sie nehmen es
mit in Ihre Gemächer im Gelben Turm, wo es von nun an sein
kärgliches Leben fristen. Sie sollten doch wissen, daß ein Womka in
Gefangenschaft nie so fröhlich und unbeschwert ist wie in der freien
Natur. Und das alles nur aus einem lüsternen Sammlerwillen heraus,
aus einer unstillbaren Gier nach dem Besonderen, habe ich nicht
recht?"
Kailinns Worte zeigten Wirkung, denn Udrull ging nun aufgebracht im
Zimmer hin und her. "Seien Sie still," fauchte er die Frau an, "Sie
haben doch keine Ahnung, worum es geht." Seine Stimme begann leicht
zu zittern, als koste es ihm große Kraft, das zu sagen, was ihn
bewegte. "Wissen Sie, wie es ist, wenn man die Straße betritt und
die Leute hinterrücks über einen lachen und herziehen? Glauben Sie
bloß nicht, ich wüßte nicht, wie man in der Stadt über mich spricht.
Der Alte Prinzipienreiter, der Stänkerer, der verrückte Questor, der
mit dem Herz aus Stein, und was man sonst noch so über mich sagt.
Ich bin doch ein Fremder in dieser Stadt, um den niemand weint, wenn
es mal mit ihm zu ende ist."
Kailinn wollte etwas erwidern, aber der T'skrang ließ ihr keine
Gelegenheit dazu. "Sobald ich den gelben Turm verlasse spüre ich
ganz deutlich den Neid und die Mißgunst der anderen. Das war nicht
immer so, oh nein, erst seit ich Hafenmeister bin. Einige haben mir
einfach nicht verziehen, daß ich den Stadtrat auf gewisse Fehler und
Unterlassungen hingewiesen habe, und so sie heizen seit Jahren die
Stimmung gegen mich an. Glauben Sie, ich wollte freiwillig mich mit
jedem anlegen? Nein, aber man ließ mir keine Wahl. Ich wollte
niemals so einsam sein, wie ich es jetzt bin ..." Bei den letzten
Worten versagte Udrulls Stimme, zu aufgewühlt war er durch seine
Rede.
Kailinn war sichtlich ergriffen von dem, was sie gerade anhören
mußte. Obwohl auch sie von Udrull wußte, hatte sie doch keine
Ahnung, wie sehr er unter dieser Ausgrenzung litt. Stets sah sie ihn
nur als mürrischen alten Pedanten, aber nie hatte sie auch nur einen
Gedanken daran verschwendet, weshalb er zu der Person wurde, die er
heute ist, und ob ihm das überhaupt gefällt. Die Sehnsucht nach
Abenteuer und Aufregung wich aus ihrem Inneren und machte wieder dem
Platz, das die letzten Jahre hindurch bereits dort war: Mitgefühl.
Tatsächlich, sie empfand Mitleid mit dem schluchzenden T'skrang vor
ihr.
"Ich glaube, ich verstehe," sagte sie sanft, "aber es ist nicht
richtig, Freunde durch ein gefangenes Tier zu ersetzen. Sie brauchen
keinen Schoßhund. Es war nicht richtig, daß man Sie praktisch in
ihren Gelben Turm verbannte, und Sie haben vielleicht auch allen
Grund verbittert zu sein. Aber denken Sie zum Beispiel nur doch
einmal darüber nach, was sie gerade vorhaben. Denken Sie an das
Womka! Was soll man von jemandem halten, der sich ein Womka als
Haustier halten soll. Können Sie sich vorstellen, was das für einen
Eindruck auf jemanden macht, der Sie noch nicht kennt?"
Udrull schwieg, da er nicht verstand, worauf sie hinauswollte,
weshalb Kailinn weitersprach: "Man wird sagen, was für ein Rohling
Sie doch sind, wenn Sie es fertigbringen, ein Womka gefangenzuhalten.
'Mit so jemandem wollen wir nichts zu tun haben!' sagt sich der
Fremde."
"Aber bin ich denn nicht schon dieses Monster, daß der Fremde in mir
sehen würde", wandte Udrull ein. "Ich bin doch schon für eine ganze
Stadt ein Sonderling, ein Monster!"
"Vielleicht für die meisten", räumte Kailinn ein. "Aber nur, weil
diese Namensgeber Sie nie anders kennengelernt haben. Man hat sie zu
einem Einzelgänger gemacht, das stimmt. Aber vielleicht haben Sie
selbst auch Schuld daran, vielleicht gefällt Ihnen sogar die Rolle
des Märtyrers, der von seinen Zeitgenossen zu einem Außenseiter
gemacht wurde und schließlich daran zerbricht. Aber das alles ist
doch nicht wichtig. Das einzige was zählt ist das, was Sie selbst
aus ihrem Leben machen. Sie können gerne so weitermachen wie bisher,
aber denken Sie darüber nach, was Sie durch Ihr Verhalten sich
selbst und auch anderen antun. Es ist eine leichtes, stets die
Schuld auf seine Mitmenschen oder die Gesellschaft zu schieben. Aber
oft spiegelt das nur die eigene Untätigkeit wieder, sein Leben
selbst zu gestalten."
"Sie glauben also tatsächlich, ich wäre unfähig, mein eigenes Leben
zu leben" sagte Udrull erschöpft.
"Ich meine nicht, daß sie alleine Ihr Leben ändern müssen. Das
würden Sie nicht schaffen, das würde niemand schaffen. Aber das
müssen Sie auch nicht. Aber was Sie tun müssen, das ist der erste
Schritt; zuerst müssen Sie es selbst wollen. Der Rest wird dann
schon folgen."
"Sie haben gut reden, Sie haben jemanden, der Sie liebt, aber was
habe ich?"
"Liebe und Zuneigung kann man nicht dadurch erreichen, daß man
jemanden seinen Willen aufzwingt. Sie müssen die Tür hinter dem
Womka nicht verschließen, sondern öffnen, nur dann kann jemand zu
Ihnen kommen. Öffnen sie die Tür, und lassen Sie den Womka frei.
Sehen Sie denn nicht, daß Sie ihm den selben Schmerz zufügen würde,
den man Ihnen zugefügt hat? Man kann Unrecht nicht mit einem anderen
Unrecht vergelten. Lassen sie das Tier frei, öffnen Sie die Tür
seines Käfigs. Er selbst kann am allerwenigsten dafür."
"Und wer öffnet die Tür zu meinem Gefängnis, wer befreit mich?"
entgegnete ihr der Hafenmeister.
"Nun, wie wäre es, wenn Sie mich begleiten und erst einmal meinen
Mann kennenlernen ..." schlug Kailinn vor.
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