Alptraum
geschrieben von Daniel Westheide

Ein Bericht von Fjestran, einem menschlichen Schützen (niedergeschrieben im Jahr 1501 TH):

Ich wanderte durch das kniehohe Gras, welches die Ebene bedeckte, so weit ich sehen konnte. Die warmen Sonnenstrahlen kitzelten meine Haut und riefen in mir ein angenehmes Gefühl hervor. Lange war ich schon unterwegs, länger, als ich mich erinnern konnte.
Unversehens fiel mir am Himmel ein dunkler Punkt auf, der immer größer wurde, bis ich schließlich sah, daß es eine drachenartige, leuchtend blau gefärbte Kreatur mit dem Kopf eines Leguans war, welche immer näher kam und sich schließlich bedrohlich niedrig über mir befand. Ich geriet ob des Anblicks dieses grauenerregenden Wesens in Panik und griff auf der Stelle in meinen Köcher, um einen Pfeil herauszunehmen. Trotz meiner unbeschreiblichen Furcht konzentrierte ich mich auf mein magisches Talent und traf die Kreatur mitten ins Herz, wie es sich für einen Schützen wie mich geziemt. Gleich darauf nahm ich einen markerschütternden Schrei wahr, der von dem Drachenwesen zu kommen schien. Schließlich riß er mich aus meinem Traum, die Realität hatte mich wieder eingeholt, und ich stellte fest, daß ich mich schweißgebadet in einem weichen und warmen Bett befand. Nach einigen Augenblicken kamen auch die Erinnerungen wieder. Am Tag zuvor war ich in ein von Angehörigen meiner Rasse bewohntes Dorf namens Tjelko gekommen, welches am Schlangenfluß lag, und hatte mir ein Zimmer in der Herberge gemietet.
Einige weiterere schrille und durchdringende Schreie rissen mich erneut aus meinen morgendlichen Gedanken. Ich öffnete meine Zimmertür und stürmte durch den merkwürdigerweise völlig verlassenen Schankraum nach draußen, um zu sehen, was der Grund für diesen Tumult war. Es schien, als sei das ganze Dorf am Anlegeplatz an der Schlange versammelt. Es herrschte eine Aufregung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Frauen und Männer starrten verängstigt auf den Schlangenfluß, ihre weinenden Kinder in den Armen.
Ein bettelarm aussehender Dörfler bemerkte nach einiger Zeit meine Anwesenheit und rief mir mit seiner heiseren Stimme zu: "Seht dort!" und er deutete mit dem Arm auf den Fluß. "Kapitän Acharuss kommt. Wir müssen alle sterben!" Ich kam näher und sah es schließlich auch: ein riesiges grünpurpurnes Flußschiff. Wieder sprach der Dörfler mit einer vor Furcht vibrierenden Stimme: "Das ist sein Flußboot Gorruus. Acharuss hat es auf unser Dorf abgesehen, und er macht keine Gefangenen!"
Ich hatte noch nie von diesem Acharuss gehört, aber er mußte wohl äußerst barbarisch zu Werke gehen, wenn er auf die Dörfler so furchteinflößend wirkte. Plötzlich bemerkte ich, wie die Dorfbewohner allesamt in ihre Häuser eilten. Wahrscheinlich beabsichtigten sie, ihr Hab und Gut zusammenzupacken, um es vor den Flußpiraten zu retten. Nur der Bettler starrte weiterhin auf das Schiff.
Ich blieb ruhig und stellte nach kurzer Zeit fest, daß die Anlegestelle für ein T'skrang-Flußboot viel zu klein war. Das bedeutete, die Flußpiraten - denn um solche schien es sich augenscheinlich zu handeln - mußten mit kleinen Ruderbooten ans Ufer gelangen. Also hatten die Dörfler noch ein wenig Zeit, obschon die ersten Boote gerade ins Wasser gelassen wurden.
Mein Hauptziel war es, die Bewohner von Tjelko und mich vor der Gewalt der Piraten zu bewahren, während ich die Verteidigung der Häuser und der Besitztümer der Dörfler, auf die es die T'skrang wahrscheinlich abgesehen hatten, nur als sekundäres Ziel betrachtete - und das Erreichen letzterens schien mir mit den Möglichkeiten, die mir zur Verfügung standen, annähernd unmöglich.
Es war also an der Zeit, die Dörfler aus ihren Häusern zu holen und in den Wald, der sich hinter dem Dorf erstreckte, zu führen. Alleine wäre es mir allerdings unmöglich gewesen, alle rechtzeitig aus ihren Häusern zu holen. Doch würden die Dorfbewohner auf den wahrscheinlich als Außenseiter gesehenen Bettler hören? Ich mußte es versuchen, denn darin lag meine einzige Chance, das Leben aller Einwohner von Tjelko zu retten, mein einziges Geschoß, um mein Ziel zu erreichen. Also redete ich auf den Mann ein und sagte ihm, er solle die anderen irgendwie aus ihren Häusern holen, wenn nötig mit Gewalt auf sich aufmerksam machen. Schnell gab ich ihm meinen Dolch, während das erste Ruderboot bereits kurz davor war, am Steg anzulegen.
Die ersten T'skrang würden also schon in kurzer Zeit bei mir sein, weshalb ich nach einer kurzen Bedenkzeit zu dem Schluß kam, daß das Geschoß mit der gradlinigsten Flugbahn, also die sinnvollste Möglichkeit zur Lösung dieses Dilemmas, ein Brandpfeil war. Ich konzentrierte mich auf mein Talent und spürte, wie die magische Energie, die ich hinzuführte, um die Erfolgsaussichten zu erhöhen, pulsierte, als sie durch meinen Körper floß. Ich schoß also einen Pfeil, welcher sich während des Fluges scheinbar von selbst entzündete auf die hölzerne Anlegestelle, die, den Passionen sei Dank, auch noch gerade rechtzeitig lichterloh brannte, nachdem vorher beunruhigend lange nur eine kleine Flamme zu sehen war. Denn just in dem Moment, als die ersten Flußpiraten anlegten, spürte ich eine kräftige Windböe, welche dafür sorgte, daß das Feuer auf den kompletten Steg übergriff. Das würde den Dörflern - und auch mir - etwas Zeit verschaffen, denn die sonst so wagemutigen T'skrang, die sich bereits auf der brennenden Anlegestelle befanden, zögerten beim Anblick der Flammen und waren sich wohl unschlüssig, was sie tun sollten. Ich nutzte die Gelegenheit und nahm die Beine in die Hand, rannte durch das Dorf, zuversichtlich, daß der Bettler all die anderen Dorfbewohner in den Wald geführt hatte.
Ein Blick zurück in Richtung der brennenden Anlegestelle zeigte mir, daß die T'skrang gerade im Begriff waren, die Flammen zu durchqueren. Blitzschnell merkte ich, daß ich einzig und allein dadurch, daß ich magische Energie durch meinen Körper fließen ließ, um bei meiner Flucht meine Beine zu Höchstleistungen anzutreiben, meinen sicheren Tod verhindern konnte, und so ließ ich die Piraten weit hinter mir. Letztendlich erreichte ich den schützenden Wald, wo die Dorfbewohner mich bereits erwarteten. So habe ich also mein Hauptziel erreicht, auch wenn ich nicht weiß, wie der Bettler es geschafft hat, die anderen Dorfbewohner zu überzeugen. Da muß die Hand Mynbrujes im Spiel gewesen sein.
Doch waren mir die meisten Dorfbewohner anfangs keineswegs dankbar, daß ich sie mit Hilfe des Bettlers aus ihren Wohnungen geholt hatte. Denn, wie mir eine alte Frau vorwarf: "Nun haben wir alles verloren, was wir besaßen. Seht doch nur, sie brennen unsere Holzhütten nieder, nachdem sie vorher schon alles, was von Wert ist, ins Schiff geladen haben!"
"Nun", antwortete ich darauf. "Ihr habt nicht alles verloren. Ihr habt noch eure Freiheit, eure Freunde und euer Leben..."

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